Neue Väter – alte Rollen

Ein Vater mit seiner Tochter auf dem Rücken

Alle Eltern waren herzlich eingeladen, als die Klasse 3c an einem sommerlichen Freitag nachmittag ihr Grillfest feierte. Unter vielen fröhlichen Müttern fand sich jedoch nur ein einziger Vater. Dass ausgerechnet er an dieser Feier teilgenommen hat, war kein Zufall – der Wiesbadener Sebastian P. zählt zu jener exotischen Spezies der „neuen Väter“, die von den Medien seit einiger Zeit intensiv beobachtet werden, in der freien Wildbahn jedoch höchst selten anzutreffen sind.

„Für mich war es selbstverständlich, genauso viel Zeit mit unseren Kindern zu verbringen wie meine Frau“, sagt der zweifache Familienvater. Geteilt werden nicht nur die schönen Dinge, sondern auch die Verantwortung – für die Erziehung, Gesundheit oder Körperpflege ihrer beiden Söhne. Sebastian P.s berufliche Situation kommt dieser Form der aktiven und gleichberechtigten Vaterschaft sehr entgegen: Als selbstständiger Multimedia-Entwickler kann er sich seine Zeit relativ frei einteilen und auch von zu Hause aus arbeiten.

Wer dagegen als Angestellter seine Vaterrolle ausleben möchte, hat es nicht so leicht. Die Arbeitswelt ist häufig noch von jener traditionellen Auffassung geprägt, die für die Männer eine völlige Präsenz am Arbeitsplatz einfordert. Der gerade bei jungen Männern immer stärker ausgeprägte Wunsch, sich aktiv an der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, trifft in den Chefetagen, aber auch bei vielen Kollegen auf wenig Resonanz. Daher ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Väter zu einer Belastung geworden.

Damit das zumindest in Hessen nicht so bleibt, hat die hessenstiftung – familie hat zukunft bereits im Jahr 2003 das Förderprogramm „Väter in Familie und Beruf“ gestartet. Öffentliche Einrichtungen, Betriebe und privatrechtliche Organisationen sollen so für die Belange der Männer und Väter sensibilisiert und für den Aufbau neuer Angebote gewonnen werden. Eine der vom Programm unterstützten Initiativen ist das VäterForum Offenbach. Unter dem Motto „Engagiert mit Job, Frau und Kindern leben“ organisiert der Verein monatliche Vätertreffen, Vortragsveranstaltungen und Vater-Kind-Aktivitäten.

Eines der größten Projekte des VäterForums war bislang die im Jahr 2004 durchgeführte Erfahrungswerkstatt „Ich bin gerne Vater“. Dabei handelte es sich um eine professionell begleitete Vätergruppe, die im Rahmen von 12 Treffen die freudvollen und belastenden Aspekte des Vaterseins auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Partnerschaft reflektierte. Die Dokumentation dieser Erfahrungswerkstatt ist vor kurzem – mit Unterstützung der hessenstiftung – auch als Buch erschienen.

Es ist aber nicht nur das gesellschaftliche und berufliche Umfeld, das sich ändern muss. Auch die Väter selbst können, was das Engagement bei Erziehungsfragen und Familienarbeit betrifft, noch etwas dazulernen. Denn zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Das zeigt die vom Bundesfamilienministerium herausgegebene Studie „Facetten der Vaterschaft“, in der die heutige Rolle des Vaters in der Familie eingehend unter die Lupe genommen wird. 

Die Studie stellt zwar ausdrücklich fest, dass das väterliche Engagement seit den 70er Jahren deutlich zugenommen hat: „Väter fungieren heute nicht mehr nur als Disziplinierungsinstanz und Spielpartner für ihre älteren Kinder. Vielmehr zeigen sie von Anfang an Interesse am Alltag und der Entwicklung ihrer Kinder […]. Sie verbringen nicht nur mehr Zeit mit ihnen, sondern praktizieren auch vermehrt Formen der Fürsorglichkeit und liebevollen Zuwendung.“

Die Hauptverantwortlichkeit für die Kinder liege allerdings, so die Studie weiter, in der Regel nach wie vor bei den Müttern - die Väter haben eher eine unterstützende Funktion. Familienforscher haben herausgefunden, dass sie sich im Durchschnitt nur an ungefähr der Hälfte der Versorgungs- und Betreuungsaufgaben überhaupt beteiligen. Die andere Hälfte bleibt den Müttern komplett allein überlassen.

Welche Aufgaben übernehmen Väter denn am liebsten? Die Antwort der Studie ist keine Überraschung: Sie übernehmen vor allem Aufgaben, die irgendwann erledigt werden können (z. B. spielen mit dem Kind), aber nicht eine sofortige Erledigung erfordern (wie z. B. Windeln wechseln) oder die abends anfallen. Und sie beteiligen sich in erster Linie an Aktivitäten, die einen eher spielerischen Charakter haben, während Routinetätigkeiten, Versorgungsaufgaben und die Organisation des Alltags mit Kind überwiegend im Verantwortungsbereich der Mutter liegen. Dazu gehört auch die Kontaktpflege zu Institutionen wie dem Kindergarten oder der Schule.

Auch wenn der zeitliche Umfang des väterlichen Engagements durch berufliche Zwänge noch eingeengt wird – was spricht eigentlich dagegen, als Vater auch einmal das Abendessen für die Kinder zu kochen oder die Windeln zu wechseln? Das ist, bestätigt Sebastian P., gar nicht so schwer. Und die Freude ist doppelt so groß, wenn das Kind sie nicht mehr braucht.

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Inhalt erstellt am 05.09.2006  -  Zuletzt aktualisiert am 05.09.2006

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