Begrüßungsansprache von Herrn Horst-Dieter Zahn, Hessisches Sozialministerium

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich im Namen des Hessischen Sozialministeriums zu dieser Veranstaltung!

 

Im Editoral auf dem Flyer zu dieser Tagung heißt es: „Der Wandel von der Halbtags- zur Ganztagsschule in Deutschland ist eingeläutet.“ Ich weiß gar nicht mehr, von wem diese Formulierung stammt - möglicherweise war ich sogar beteiligt. Mit dieser wuchtigen Einleitung wird suggeriert, es habe eine quasi unaufhaltsame Entwicklung begonnen. So etwa nach dem Motto: Das weitere liegt nicht in der Hand der Zwerge, die dem Rad der Weltgeschichte in die Speichen greifen wollen. Im Ernst wird heute eigentlich niemand behaupten wollen, der Trend zur Ganztagsschule sei überall mächtig und im Übrigen unaufhaltsam. Die Begründungen, die Motive für die Entwicklung von Ganztagsschulen sind äußerst heterogen. Zuweilen fehlt der politische Wille, überall aber fehlt Geld und die Ressourcen bleiben hinter dem Bedarf weit zurück.

 

Zur Zufriedenheit besteht also wahrlich kein Anlass, wohl aber gibt es, wie auch die Reaktion auf diese Tagung zeigt, viel Bedürfnisse, von einander zu lernen, Erfahrungen und Informationen von anderen aufzunehmen und Anregungen für die eigene Arbeit zu erhalten.

 

Ich möchte Ihnen einige Gründe dafür nennen, warum das Hessische Sozialministerium als Mitveranstalter einer solchen Fachtagung zur Ganztagsschule aktiv geworden ist.

 

Da ist zunächst die Tatsache zu nennen, dass die außerschulische Jugendarbeit und die Jugendbildung in Hessen außerordentlich vielfältig und breit entwickelt ist. Auch im Vergleich zu anderen Bundesländern hat sich in Hessen in den vergangenen Jahrzehnten bei Jugendverbänden und in der kommunalen Jugend- und Jugendbildungsarbeit eine produktive Vielfalt von Projekten und Arbeitsansätzen entwickelt. An dieses enorme Potenzial muss erinnert werden und dieses Potenzial muss mobilisiert werden, wenn es um die Frage einer Weiterentwicklung schulischer Angebote geht, wenn es darum geht, in der Entwicklung von Ganztagsangeboten neue Formen der Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern zu entwickeln. Die Jugendarbeit und Jugendbildungsarbeit von Kommunen, Landkreise und Jugendverbänden in Hessen ist von ihren Traditionen und Erfahrungen her ein ganz herausragender Partner für die Ganztagsschulen. Darum, und weil das Land, insbesondere das Hessische Sozialministerium an der Entwicklung dieser Jugendarbeit und Jugendbildung immer wieder über Impulse und Förderprogramme beteiligt war, ist es sozusagen ganz natürlich, dass wir an der Entwicklung von Partnerschaft zwischen außerschulischer Jugendarbeit und Ganztagsschulen ein großes Interesse haben.

 

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Werner Franz, der Leiter der Kinder und Jugendförderung des Landkreises Darmstadt-Dieburg, mit dem wir gerne und gut in der Vorbereitung dieser Tagung zusammengearbeitet haben, vor kurzem ganz überraschend gestorben ist. In einer Broschüre - „Anstöße IV“ - zur Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule, die im Jahr 2002 erschienen ist, hat Werner Franz im Editorial geschrieben:

 

„In der Schule wirbt Jugendarbeit und Jugendbildungsarbeit um Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Veranstaltungen, dort, wo sich Kinder und Jugendliche am meisten unter ihresgleichen aufhalten. In konkreten Veranstaltungen trägt Jugendarbeit in den meisten Fällen zur Attraktivität von Themen und Inhalten bei, zeigt und praktiziert neue und andere Arbeitsansätze und – Abläufe und vermittelt neue, andere als in Schulen übliche Erfahrungen.

Dabei erstellt die unterschiedliche Aufgabenstellung, das unterschiedliche Setting der Träger in den meisten Fällen ein für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konstruktives Spannungsfeld dar. Probleme dieser Kooperationen erscheinen auf Grund der Unterschiedlichkeit oft schwer lösbar und sollten unter einer zunehmend wichtiger werdenden gemeinsamen Aufgabenstellung überwunden werden. Dabei ist wesentlich jedoch für Schule oft schwer akzeptierbar das Konkurrenzfrei, in gleicher Augenhöhe mit unterschiedlichen Mitteln dieselben Ziele verfolgt werden können.“

 

In diesem Zitat haben wir quasi schon alle Themen und Stichworte, die Chancen, Risiken und Probleme einer Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendarbeit  bezeichnen. Diese Risiken, aber auch die Chancen werden heute durch die Entwicklung zur Ganztagschule sozusagen intensiviert und gesteigert.

 

Im Mai und im Juni des vorigen Jahres haben Jugendminister- und Kultusministerkonferenz einen Beschluss gefasst zur „Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe zur Stärkung und Weiterentwicklung des Gesamtzusammenhangs von Bildung, Erziehung und Betreuung“. Dieser Beschluss, dem lange und intensive Vorarbeiten und Diskussionen vorangegangen waren, trägt der aktuellen Situation Rechnung. Er enthält nämlich nicht, wie es bis dahin oft der Fall war, eine ausführliche Beschreibung der verschiedenen Strukturen im Bildungssystem und in der Jugendhilfe, der Probleme und Ansatzpunkte von Kooperation im allgemeinen, sondern er richtet das Augenmerk auf drei aktuelle Schnittstellen und Aufgabenfelder sowohl für Bildungs- als auch für Jugendhilfepolitik:

Das ist zum ersten der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule, das ist zweitens die Entwicklung und der Ausbau der ganztätigen Bildung, Erziehung und Betreuung an Schulen und das ist zum dritten die Unterstützung der Kinder- und Jugendlichen mit Lernproblemen und sozialen Benachteiligungen, also der Übergang von Schule und Beruf. Auf diese drei Schwerpunkte hin werden in dem Beschluss von JMK und KMK Fragen der Organisation, der Fachkräfte, der Finanzierung und der rechtlichen Gestaltung dargelegt. Dies alles unter dem Oberbegriff - wenn man so will dem gemeinsamen Dach - „Gesamtzusammenhang von Bildung, Erziehung und Betreuung“. Da mittlerweile ständig von einem solchen Gesamtzusammenhang oder, wie im zwölften Kinder- und Jugendbericht vom Gesamtsystem, gesprochen wird, aber wie so oft kaum jemand weiß oder kaum jemand nachfragt, was damit eigentlich gemeint ist, möchte ich dies hier doch kurz darstellen:

Mit dieser Formulierung wird zunächst etwas benannt, was vergleichsweise trivial oder banal erscheint: Dass nämlich Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen aufs Engste miteinander zusammenhängen, dass sie zwar begrifflich und fachlich zu unterscheiden sind, aber dennoch in ihrer Wirkung und Entfaltung darauf angewiesen sind, sich gegenseitig zu verstärken und zu ergänzen. Das mag nur dem banal erscheinen, der den Blick nicht auf die bestehenden Systeme und Angebote von Bildung, Erziehung und Betreuung richtet. Die einfache Forderung, den Zusammenhang dieser drei deutlicher zu sehen und in der Praxis stärker herauszuarbeiten, erweist sich angesichts der real existierenden Missstände und Defizite als eine sehr kraftvolle Aufforderung zur grundlegenden Reform.

Die Formulierung vom Gesamtzusammenhang spielt zum zweiten darauf an, dass die eingespielten Rollen- und Aufgabenzuweisungen für die jeweiligen Systeme gar nicht mehr stimmen. Es ist nicht wahr, dass die Schule beispielsweise nur für die Aufgabe der Bildung, nicht aber die der Erziehung und Betreuung habe. Und es ist auch nicht wahr, dass es in der Jugendhilfe nur auf Betreuung und Aufbewahrung ankomme. Auch die Jugendhilfe hat einen, wenngleich spezifischen, Bildungs- und Erziehungsauftrag. Wer vom Gesamtzusammenhang von Bildung, Erziehung und Betreuung spricht, meint also auch, dass die gemeinsamen Zielsetzungen von Schule und Jugendhilfe deutlich stärker als bislang herauszuarbeiten und zu stärken sind.

 

Schließlich, zum dritten, ist mit diesem Leitbegriff auch gemeint, dass die Traditionen und Strukturen von Jugendhilfe und Schule durchaus nichts Heiliges und Unveränderliches sein dürfen, sondern dass diese beiden auch einem Veränderungspostulat sich unterwerfen müssen. Ich zitiere aus einem dem genannten Beschluss vorangegangenen Arbeitspapier: „Ausgangspunkte für die Entwicklung eines solchen Gesamtsystems von Bildung, Erziehung und Betreuung sind die Lebenssituationen der jungen Menschen und die pädagogischen Notwendigkeiten beziehungsweise die Anforderungen und Voraussetzungen für das Gelingen der Sozialisation. Es wird somit eine Perspektive gewählt, die die jungen Menschen mit ihren Bedarfen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt, wobei sie zugleich als Teil eines sozialen Bezugssystems und eines Sozialraums gesehen werden. Insofern kann der Arbeitsauftrag nur dann erfolgreich abgeschlossen werden, wenn Jugendhilfe und Schule Bereitschaft zeigen, unter Berücksichtigung dieser Ausgangspunkte ihre Strukturen, ihren Ressourceneinsatz und ihre Arbeitsweisen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.“

 

Aus dem Beschluss von JMK und KMK will ich hier, was den zweiten Schwerpunkt Ganztagsschule betrifft, nur einige wenige Stichworte in Form von Zitaten anführen:

Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass in diesem Beschluss die bildungspolitische Begründung der Ganztagsschule den weit überwiegenden Schwerpunkt darstellt und das Betreuungsfragen allenfalls am Rande behandelt werden. Es heißt in dem entsprechendem Abschnitt zum Eingang: „Die Entwicklung und der Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten an Schulen haben sowohl schulpolitisch als auch jugendpolitisch große Bedeutung

Die Förderung von Kindern und Jugendlichen in Ganztagsschulen und in Ganztagsangeboten an Schulen erweitert die Möglichkeiten des fachlichen wie auch des sozialen Lernens. Die Mischung kognitiver, sozialer, emotionaler und kreativer Angebote und Anforderungen, die über den gesamten Tag verteilt in unterschiedlicher Intensität und Folge Kinder und Jugendliche in ihrem gesamten Wahrnehmungsspektrum ansprechen, kann eine gute Basis dafür schaffen, die Motivation und Aufnahmebereitschaft sowohl für unterrichtliche wie für außerunterrichtliche Bildungsprozesse zu erhöhen. Damit erhöht sich zugleich die Chance, ‚Ausweichverhalten’ gegenüber schulischen Anforderungen aufzulösen, das häufig einen schleichenden Prozess des Schulversagens und zum Teil auch der Schulverweigerung nach sich zieht.

 

Diese Chance wird besonders begünstigt, wenn Schule und Jugendhilfe in Kooperation ganztägige Bildung, Erziehung und Betreuung gemeinsam planen und durchführen. Schule und Jugendhilfe öffnen sich dadurch stärker sowohl den Problemen als auch den Interessen und Neigungen von Schülerinnen und Schülern.“

 

Sie sehen, hier ist gerade bildungspolitisch und in Richtung Veränderung der Schulen einiges postuliert worden. Wir werden hoffentlich viel Gelegenheit haben, dies exemplarisch und an Hand von praktischen Erfahrungen auf unserer Tagung zu erörtern.

Ich will einen weiteren Punkt aus dem Beschluss von JMK und KMK noch nennen, er betrifft die Ebene der lokalen Bildungspolitik. Es heißt unter 2.1.4: „Als hilfreich für die Entwicklung von Ganztagsangeboten und Ganztagsschulen wird es angesehen, wenn die Schulträger und die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe Vereinbarungen über die Zusammenarbeit in ihrem Gebiet schließen und dabei eine Verständigung zu fachlichen Schwerpunkten und zu Fragen der Finanzierung erreichen.“ Und ein letztes Stichwort - es betrifft die Fachkräfte und ihre Zusammenarbeit. In dem Beschluss wird gesagt: „Es ist erforderlich, die Möglichkeiten, die Ganztagsschulen und Ganztagsangebote für die Jugendhilfe, die Sozialpädagogik und die Sozialarbeit bieten, verstärkt in der Ausbildung… zu berücksichtigen. Gleichermaßen sind die Anforderungen, die eine Gestaltung von Ganztagsangeboten mit sich bringen, in der Lehreraus- und – Fortbildung zu vermitteln. Gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen von schulischen und Fachkräften der Jugendhilfe dienen der Verbesserung der Zusammenarbeit.“

Ich habe auf die Motivlage, die fachpolitischen Hintergründe und auf den gemeinsamen Beschluss von Jugendministerkonferenz und Kultusministerkonferenz hingewiesen, weil ich deutlich machen will, dass es für die Entwicklung der Ganztagsschulen und für die Entwicklung der Zusammenarbeit von Ganztagsschulen und Jugendhilfe keineswegs nur pragmatische Überlegungen gibt, dass diese Zusammenarbeit keineswegs nur aufgrund der Finanznot erfolgen soll. Im Zentrum der fachpolitischen Begründungen für die Entwicklung der Ganztagsschulen und für die Zusammenarbeit von Ganztagsschulen und Jugendhilfe stehen vielmehr grundlegende bildungs- und sozialpolitische Überlegungen und Forderungen. Es liegt an allen Beteiligten, diese Forderungen auch zu verwirklichen.

 

Die Tagung, die nun beginnen wird, kann gewiss nur ein kleiner Beitrag zu dem erforderlichen und vielfach geforderten Informations- und Erfahrungsaustausch sein. Es könnte und müsste noch viel mehr für Fortbildung und gemeinsamen Austausch von Fachkräften der Jugendhilfe und Lehrerinnen und Lehrern getan werden. Aber lassen sie uns zunächst einmal hier und heute beginnen. Ich freue mich auf die Begegnungen und Gespräche dieser Tagung.

 

Vielen Dank!

 

Jugendhilfe, Schule

  • Weitere Informationen
  • Horst Dieter Zahn, Referatsleiter im Hessischen Sozialministerium, ist zuständig für Fortbildung u. Grundsatzangelegenheiten sozialer Fachkräfte, Kooperation Jugendhilfe-Schule und so genannte Sekten u. Psychogruppen.

    Erreichbar unter:

    Horst Dieter Zahn
    Tel. 0611-817-3237
    Fax: 0611-89084-497
    E-mail: h.zahn@hsm.hessen.de

Inhalt erstellt am 23.12.2005  -  Zuletzt aktualisiert am 03.01.2006

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