Ein Modellprojekt – Ein Kongress – Eine Studentenfamilie im Interview
„Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft“ - so lautet der Titel des einzigen Lehrstuhls für Familienwissenschaft in Hessen, an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gleichzeitig ist Gießen auch die Stadt mit der höchsten Studierendendichte in Deutschland. Daher ein idealer Standort für das Modellprojekt „Studieren mit Kind“, initiiert im Jahr 2004 von der hessenstiftung – familie hat zukunft. Diese Längsschnittstudie wird am Lehrstuhl für Familienwissenschaften unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe durchgeführt.
Anlass für die auf vier Jahre angelegte Studie ist die Tatsache der hohen Kinderlosigkeit von Akademikern. Derzeit bleiben etwa 40% von ihnen kinderlos, wobei jedoch 80% den Wunsch nach eigener Familie äußern. Hier will das Projekt gezielt bei der Elternschaft im Studium als einer der Optionen ansetzen und die Vorteile dieses biographischen Zeitfensters herausstellen. Es werden unter anderem Studienorganisation, Wohnbedingungen, Finanzsituation und Betreuungsstrukturen von studierenden Eltern in den Blick genommen und benannt, um Ansatzpunkte zu finden, die Vereinbarkeit von Elternschaft und Studium zu verbessern. Aus diesen Erkenntnissen werden passgerechte, mit Allianzpartnern koordinierte Maßnahmen entwickelt, erprobt und ausgewertet.
Passend zum Thema des Modellprojektes findet am 1. Juli 2005 an der Universität Gießen ein Kongress zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Hessische Hochschulen zeigen Profil“, in Kooperation des Hessischen Sozialministeriums, der hessenstiftung – familie hat zukunft und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, statt. Darin wird unter anderem Frau Prof. Dr. Meier-Gräwe zum Thema „Studieren mit Kind: Ein Weg zur Öffnung des biographischen Zeitfensters für Elternschaft?“ referieren, und Betroffene aus der täglichen Praxis berichten.
Auch Susanne Gastmann, 27, mit ihrem Verlobten Michael Boden, 34, studierte am Lehrstuhl von Prof. Dr. Meier-Gräwe. Während ihres Studiums - sie waren gerade im 5. und 13 .Fachsemester - bekamen sie ihr erstes Kind, Elias. Dreieinhalb Jahre später kam ihre Tochter Junia zur Welt. Nach neun Semestern Studium machte Susanne Gastmann im Februar diesen Jahres ihren Abschluss als Dipl. Oecothrophologin. Momentan arbeitet sie an dem Projekt „Studieren mit Kind“ mit. Durch dieses Engagement möchte sie dazu beitragen, etwas Praktisches an der oft schwierigen Situation von Studierenden mit Kind zu ändern. Denn ebenso wie viele andere, stand auch Familie Gastmann/Boden während des Studiums vor einigen Problemen:
Was dachten Sie, als Sie während des Studiums Kinder bekamen?
Susanne Gastmann (S): Im ersten Moment war ich geschockt. Das hat sich aber ganz schnell gelegt. Als der Elias, und später dann auch die Junia da waren, war es einfach nur noch eine große Freude. Obwohl beide Kinder nicht geplant waren, kam Abtreibung überhaupt nicht in Frage! Und es stand auch nie zur Debatte, dass ich das Studium nicht zu Ende mache.
Michael Boden (M): Ich habe mich einfach nur gefreut, da es schon immer mein Traum war, Kinder zu haben.
Wie ging dann das Studium mit Kindern weiter?
S: Ich habe mich nicht beurlauben lassen und auch Michael hat weiterstudiert. Während ich gerade in den Vordiplomsvorbereitungen stand, hatte Michael noch die Diplomarbeit und die Prüfungsphase vor sich. In der ersten Schwangerschaft habe ich dann mein Vordiplom beendet und sechs Monate nach der Geburt meinen nächsten Schein gemacht. Pro Semester konnte ich dann zwei oder drei Scheine machen. Es war einfach ein gewaltiger Vorteil, dass ich mir mein Studium frei einteilen konnte. Und wenn ich in der Uni war, hat Micha auf die Kinder aufgepasst, oder umgekehrt.
Was sind die gravierendsten Probleme, mit denen Studenten mit Kindern und auch Sie sich konfrontiert sehen?
S: Es kommen plötzlich eine Vielzahl von Problemen auf einen zu: Es ist in erster Linie schwierig, eine gute Betreuung für Kleinkinder unter drei Jahren zu bekommen. Oft sind auch keine Großeltern vor Ort, die die Kinder manchmal übernehmen können. Und wenn eine gute Betreuung fehlt, kann immer nur einer studieren, während der Partner die Kinder betreut. Dadurch verlängert sich wiederum die Studiendauer, wie es bei uns der Fall war.
M: Die Wohnsituation gerade für Studierende Eltern stellt ein großes Problem dar, da in Giessen adäquater Wohnraum zu einem bezahlbaren Preis schwer zu finden ist. Folglich ziehen viele Studenten ins Umland und sind aber auf Kinderbetreuung in Uni-Nähe angewiesen. Diese Problematik wird sich durch die Änderung der Kinderbetreuungsrichtlinie zum 01.09 05 noch verschärfen, da dann mit Ausnahme von „Betriebskindergärten“ die städtischen Kindergärten für Landkreis-Kinder keine finanzielle Unterstützung vom Kreis mehr erhalten und folglich keine Kinder vom Umland mehr aufgenommen werden können.
S: Außerdem ist es schwierig, wenn junge Menschen, so wie es bei uns der Fall war, vom jungen Paar zu Eltern werden. Eine Überforderung im Alltag bleibt da nicht aus.
Wird von der Uni Gießen selbst eine Kinderbetreuung angeboten?
S: Nein, nicht direkt. Die Uni Gießen stellt dem Verein „Die Kobolde e.V.“ auf ihrem Gelände eine Wohnung zur Betreuung von 18 Kindern im Alter von 1,5 bis 6 Jahren zur Verfügung. Da jedoch dieser Elternverein von der Stadt unterstützt wird, müssen die Eltern keine Studierenden oder Angestellte der JLU sein. An der Fachhochschule hingegen gibt es eine eigene „Krabbelstube e.V“ für insgesamt acht Kinder im Alter von einem bis drei Jahren. Dort werden bevorzugt Studierende mit Kind berücksichtigt.
M: Dass der Bedarf an Kinderbetreuung oft das Angebot übersteigt, zeigt auch unsere Erfahrung: so hatten wir Elias schon mit vier Monaten in dem von uns erwünschten Kindergarten angemeldet, damit er mit zweieinhalb Jahren dort auch einen Platz bekam.
Gibt es Vergünstigungen oder Ausnahmeregelungen an der Uni für Studierende mit Kind?
S: Ich persönlich habe in meiner Prüfungsphase zwei Monate Verlängerung bekommen. Das war einfach unheimlich wichtig, weil ich diese Zeit auch gebraucht habe. Generell ist natürlich auch eine Mutterschaftsbeurlaubung, ähnlich der Elternzeit, möglich. Des Weiteren müssen momentan Langzeitstudierende mit Kind(ern) unter dem dritten Lebensjahr keine Studiengebühren bezahlen. Wünschenswert wäre hierbei, wenn dies auch für Langzeitstudierende gilt, deren Kinder bereits drei Jahre und älter sind. Sollten Studiengebühren ab dem ersten Semester eingeführt werden, wäre es auch weiterhin erstrebenswert, diese Personengruppe gänzlich davon zu befreien.
Wie gehen die Professoren mit Elternschaft um?
S: Mit den Professoren habe ich durchweg positive Erfahrungen gemacht. Das lag vielleicht auch daran, dass ich offen mit meiner Mutterrolle umgegangen bin, aber gleichzeitig nie eine Sonderstellung wollte.
Vermutlich ist auch das Thema Finanzen nicht einfach. Mit welchen Problemen sehen sich Studierende mit Kind konfrontiert?
S: Wir selbst wurden bis zum Ende unseres Studiums von unseren Eltern unterstützt, waren dadurch also abhängig, was auch zu einer Reihe von inneren Gewissensbissen führte. Das Bild der sich eigenständig ernährenden Familie ist doch in unseren Köpfen. Andererseits waren wir aber auch sehr froh darüber. Wir kennen einige Studenten mit Kindern, die noch zusätzlich arbeiten müssen. Diese Dreifachbelastung: Kind, Studium und Beruf, das ist wirklich haarig! Es gibt momentan auch noch keine konkrete Anlaufstelle, wo man Informationen bekommt, welche Anträge man stellen kann, um finanzielle Unterstützung von Seiten des Staates oder entsprechender Stiftungen zu erhalten. Das kostet dann oftmals zusätzlich ziemlich Zeit.
Wie sehen Kommilitonen ohne Kind ihre Situation?
S: Manche Kommilitonen sehen die Sache sehr locker und sagen: „Ihr habt es gut, ihr seid noch so jung und habt schon eine Familie!“ Der Kontakt zu Kommilitonen ohne Kinder ist jedoch recht sporadisch. Jetzt haben wir einfach mehr Kontakt zu anderen Familien, deren Alltag durch ähnliche Schwierigkeiten geprägt ist. Da sehen eher vor allem die Eltern, die auch studiert haben, womit wir zu kämpfen haben und empfinden unsere Situation als schwierig, besonders in den Prüfungsphasen.
Wo haben Sie die Uni positiv erlebt, und was kann Ihrer Meinung nach noch verbessert werden?
S (lacht): E-learning: das wär super, wenn man von zu hause aus per Computer bei einer Vorlesung dabei sein könnte. Das wäre auch eine Art Lobby-Arbeit: wenn die Professoren die Studierenden mit Kind zu Hause mitbegrüßen und so eine Öffentlichkeit und Sensibilität für diese Thematik bei den Kommilitonen schaffen würden.
Im Ernst: Vor allem mein Studienfach Haushaltswissenschaften, mit Frau Prof. Dr. Meier-Gräwe, habe ich als sehr kinderfreundlich erlebt. Das liegt aber vor allem daran, dass dort viele Frauen arbeiten, die auch Kinder haben. Das ist einfach ein anderes Mitdenken... Die wissen, was es heißt, eine Familie zu haben, eine Partnerschaft zu leben und nebenher noch zu arbeiten, oder eben zu studieren.
An Verbesserungen wünschte ich mir eine freie Strukturierbarkeit aller Studiengänge. Das würde einigen Eltern mit Kind die Situation erleichtern, so wie es bei uns der Fall war. Außerdem wären Wickel- und Stillmöglichkeiten auf dem ganzen Gelände sehr gut, ebenso ein Kinderteller in der Mensa, der entweder kostenfrei oder kostengünstiger ist. Generell wünsche ich mir persönlich aber vor allem einen politischen und bürgerlichen Mentalitätswechsel zum Thema „Kinder in der Gesellschaft“.
Würden Sie, wenn Sie die Wahl hätten, alles noch einmal genau so machen?
S: Unter unseren Voraussetzungen: immer wieder. Auch mit der Uni – da haben wir gute Erfahrungen gemacht.
M: Es gibt fast keine bessere Zeit, als während des Studiums Kinder zu bekommen. Denn wenn das Studium frei zu gestalten ist und sich der finanzielle Druck in Grenzen hält, hat man eine Menge Zeit zum gemeinsamen Leben. Wir haben fast immer abends und nachts gearbeitet und gelernt, und tagsüber, außerhalb der Unitermine, die Zeit mit unseren Kindern verbracht. Das prägt die Eltern und die Kinder.
Haben Sie noch einen letzten guten Rat an andere Studierende mit Kind?
S: Nur nicht den Mut verlieren! Man sollte nur genau wissen, was man will, dann schafft man alles - auch mit den Kindern.
M: Es gibt nichts Schöneres als Kinder!
Das Gespräch führte Stephanie Pieper.
(Quelle: hessenstiftung "familie hat zukunft")
