„Keiner fällt durchs Netz“ setzt auf die Zusammenarbeit mit Hebammen, Kinderärzten und Krankenhäusern
Mit dem Modellprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ wollen die hessenstiftung – familie hat zukunft“ und der Kreis Offenbach den Kinderschutz stärken. Darauf haben die Hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger und der Landrat des Kreises Offenbach, Peter Walter, während der Vorstellung des Projektes in Dietzenbach hingewiesen. Das auf drei Jahre ausgelegte Projekt zielt auf einen frühen Zugang vor allem zu denjenigen Familien, die nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. „Dabei setzen wir auf die Zusammenarbeit mit Hebammen, Ärzten und Krankenhäusern“, erklärte Sozialministerin Lautenschläger. „Herzstück des Projekts wird der Arbeitskreis ‚Netzwerk für Eltern’ sein.“ Dieses Netzwerk, so Lautenschläger, werde aus Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter aller an der Prävention und Intervention in der frühen Kindheit beteiligten Institutionen und Berufsgruppen bestehen.
Ministerin Lautenschläger verwies darauf, dass das Projekt „Keiner fällt durchs Netz“ ein Baustein innerhalb einer Maßnahmenkette zum Schutz von Kindern ist. Zahlreiche weitere Projekte wie etwa das Präventionsprojekt „Das Baby verstehen“ oder das „Projekt Wellcome“ sowie umfangreiche Fortbildungsangebote sollen zum Schutz der Kinder beitragen.
„Keiner fällt durchs Netz“ richtet sich an so genannte Risikofamilien. Diese sollen dabei so früh wie möglich an das Betreuungsnetzwerk vermittelt werden, dem auch Jugendamt, Sozialarbeiter und Deutscher Kinderschutzbund angehören. Schon bei den ersten Anzeichen darauf, dass Kinder misshandelt oder missbraucht würden, müsse gehandelt werden, so Landrat Peter Walter. Nur so könne man Schlimmeres verhindern. Walter: „Vor und nach der Geburt eines Kindes sind es vor allem die Hebammen, die Gynäkologen, das Team auf der Entbindungsstation und die Kinderärzte, die im Kontakt mit den Eltern stehen und Risiken erkennen können. Deshalb ist ihre Einschätzung besonders wichtig!“
Risikofamilien soll im Rahmen des Modellprojektes eine speziell ausgebildete Familienhebamme zur Seite gestellt werden, die die Familie umfassend unterstützt und begleitet und dabei auch ein wachsames Auge auf das Kindeswohl hat. Als Risikomerkmale werden unter anderem Schwierigkeiten in der Partnerschaft, überforderte Eltern oder Überschuldung angesehen. Zur Koordination des Netzwerks für Risikofamilien hat der Kreis in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk eine halbe Stelle im Jugendamt geschaffen. Die Hebamme Katja Hering hat die Arbeit dort inzwischen aufgenommen. „Es geht nicht um eine frühe Kontrolle, sondern um frühe Hilfen, um Familien mit Risikopotential frühzeitig zu erreichen“, verdeutlichte Sozialministerin Silke Lautenschläger.
Wissenschaftlich begleitet wird das Modellprojekt vom Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg unter der Leitung von Prof. Dr. med. Manfred Cierpka. Für die „hessenstiftung – familie hat zukunft“ wies ihre Beiratsvorsitzende Sozialministerin Lautenschläger darauf hin, dass die Stiftung die wissenschaftliche und praktische Begleitung des Projektes in den Kreisen Bergstraße und Offenbach über vier Jahre mit 515.100,- Euro fördere. Trotz aller Anstrengungen werde der Kreis "nicht alles erfassen" können, machte Landrat Peter Walter abschließend noch einmal deutlich. Auch die Gesellschaft müsse beim Kinderschutz sensibler werden. Man sei immer auch auf Beobachtungen aus der Familie oder von Freunden und Bekannten angewiesen, dass etwas nicht stimme.
(Quelle: hessenstiftung – familie hat zukunft)
Hintergrund
Die Zahl der Kinderschutzfälle im Kreis Offenbach hat sich in den zurückliegenden Jahren ähnlich wie in ganz Deutschland deutlich erhöht. Von 1999 bis 2003 stiegen die Fallzahlen im Kreis um 51 Prozent, 2004 und 2005 um insgesamt weitere 25 Prozent. 2005 waren 502 Kinder aus 291 Familien betroffen. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde vernachlässigt: Sie bekamen nicht ausreichend zu essen, oder die Eltern waren nicht anwesend. 28 Prozent wurden misshandelt. Bei neun Prozent ging es um sexuelle Gewalt, bei acht Prozent um häusliche Gewalt. Die Zahl der Kinder, die vom Kreis in Obhut genommen und in Pflegefamilien oder einem Heim untergebracht wurden, stieg von 2,3 im Monat (1997) auf knapp zwölf pro Monat im vergangenen Jahr an.
