Familienhebammen kommen an

„Keiner fällt durchs Netz“ auf dem Weg vom Modellprojekt zum Regelangebot

Das 2007 von der hessenstiftung – familie hat zukunft ins Leben gerufene Präventionsprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ geht an den beiden Modellstandorten in das Regelangebot über. Das wurde bei der Präsentation des Abschlussberichts in Wiesbaden bekanntgegeben. Professor Manfred Cierpka stellte neben den Daten und Ergebnissen aus den Jahren 2007 bis 2010 auch dar, wie das aufsuchende Unterstützungsangebot der Familienhebammen wirkt. Das Land Hessen wird, wie die Staatssekretärin aus dem Hessischen Sozialministerium Petra Müller-Klepper ankündigte, das Angebot über die Landkreise Bergstraße und Offenbach hinaus erweitern.

Mehr als eine halbe Million Euro hat die hessenstiftung – familie hat zukunft seit 2007 in die Anschubfinanzierung des Projektes „Keiner fällt durchs Netz“ gesteckt. Die beiden Landkreise Bergstraße und Offenbach stellten von Anfang an eine halbe Koordinierungsstelle und deckten die Reisekosten der eingesetzten Familienhebammen. Die Ausbildung zur Familienhebamme wurde über das Projekt hinaus vom Hessischen Sozialministerium gefördert. Am Ende waren es neun Familienhebammen, die in 3405 Hausbesuchen 277 Familien betreuten, deren Ressourcen ohne Hilfsangebot nicht ausgereicht hätten, um ihrem Kind einen guten Weg durchs erste Lebensjahr zu bahnen. 

Hebammen sind willkommen

Für den Erfolg des Projektes machte die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Staatssekretärin Petra Müller Klepper aus dem Hessischen Sozialministerium zwei Faktoren aus.  „Hebammen sind bei Familien uneingeschränkt willkommen und können so die Türen zu weiteren Hilfen öffnen.“ Weiter verwies Staatssekretärin Müller-Klepper darauf, dass sich mit den beiden hessischen Landkreisen zwei Gebietskörperschaften von Anfang an in die Modellphase hätten einbinden lassen. Der Kreis Offenbach wie der Kreis Bergstraße führen das Hilfsangebot „Keiner fällt durchs Netz“ inzwischen als Regelangebot fort. An die beiden Landräte Oliver Quilling und Matthias Wilkes gerichtet sagte sie: „Ihnen gebührt der Dank dafür, dass das Ende des Modellprojekts nicht das Ende der Hilfe bedeutet. Das Angebot schließt eine Lücke und bietet passgenaue Hilfemöglichkeiten für junge Familien in problematischen Lebenssituationen, die durch die sonstigen Angebote nicht erreicht werden. Die Betroffenen werden hierdurch in Umbruchsituationen stabilisiert, so dass Krisen erst gar nicht entstehen.“

Hilfsangebot kommt an

Prof. Dr. Manfred Cierpka, an dessen Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg das Hilfsangebot entwickelt und wissenschaftlich begleitet wurde, zeigte anhand seines Abschlussberichts auf, was bei der Einführung von „Keiner fällt durchs Netz“ gelungen ist und an welchen Stellen er noch Verbesserungsbedarf sieht. Ob das Projekt seinen Namen verdient, hängt nicht zuletzt am Erreichen der Zielgruppe mehrfach belasteter Familien. Von dieser Risikogruppe, die nach Schätzung des UNICEF-Reports bei 5% der jährlichen Geburten liegt, erreichte das Projekt ein Drittel. Wie der Vergleich mit hessischen Bevölkerungszahlen ergab, wurden mit dem Projekt deutlich mehr erwerbslose und finanziell schlechter gestellte Familien erreicht. Bei den aufgesuchten Familien liegt die Erwerbslosigkeitsquote (darunter fällt nicht die Elternzeit) von Müttern bei 32% und von Vätern bei 19%. Dies hebt sich deutlich von der durchschnittlichen Erwerbslosenquote in Hessen ab, die bei Frauen bei 2,8% und bei Männern bei 3,7% liegt. Dementsprechend ist auch das durchschnittliche Gesamteinkommen im Projekt niedriger. Während in Hessen lediglich 29% aller Haushalte und 12% aller Mehrpersonenhaushalte ein Haushaltsnettoeinkommen von bis zu 1500 € haben, sind es im Projekt 62% aller Familien.

Prof. Manfred Cierpka führte nicht nur aus, dass das Hilfsangebot ankommt, sondern auch dass es wirkt: „Die ersten Ergebnisse der Begleitforschung zeigen, dass die Arbeit der Familienhebammen die Familien erheblich entlastet, zur Reduktion von Stress und Depressivität bei den Müttern beiträgt und die soziale Entwicklung der Kinder fördert.“ Dem Stressabbau bei den Müttern entspricht es auch, dass die Arbeit der Familienhebammen zu 30 % auf die Selbstfürsorge ausgerichtet war.

Aufsuchende Elternarbeit in den Landkreisen

Im Kreis Bergstraße haben vier Familienhebammen von 2007 bis 2010 insgesamt 1215 Projekthausbesuche in 104 Familien durchgeführt. Die Familien wurden maximal bis Ende des 1. Lebensjahres des Neugeborenen besucht. Seit 2011 stehen 6 Familienhebammen zur Verfügung. Landrat Matthias Wilkes erläuterte, dass das Projekt im Kreis Bergstraße mit der bereits 2006 eingeführten Elternschule „Das Baby verstehen“ eine Vorgeschichte habe: „Wir konnten auf ein funktionierendes Konzept aufbauen. Mit ‚Keiner fällt durchs Netz‘ haben wir dann allerdings von der einladenden Elternarbeit verstärkt auf die aufsuchende umgestellt.“ Während der Begleitung durch die Familienhebamme lernen Eltern, die Signale des Neugeborenen zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu reagieren. „Es geht um frühe Hilfen für Mütter und Väter, die allein oft nur schwer in der Lage wären, ihrem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen“, verdeutlichte Landrat Wilkes. Als Risikofaktoren zeigten sich im Kreis Bergstraße z.B. ein niedriges Nettoeinkommen (58% der Besuchten standen weniger als 1.000,- Euro zur Verfügung), Arbeitslosigkeit (37%), fehlende Partnerschaft (34% waren ledig) oder Teenager-Schwangerschaft (9% waren minderjährig).

Seit Projektbeginn bis Ende 2010 haben im Kreis Offenbach fünf Familienhebammen 2190 Projekthausbesuche in 173 Familien durchgeführt. Seit 2011 stehen 7 Familienhebammen zur Verfügung. Wie im Kreis Bergstraße wurde auch im Kreis Offenbach zur Koordination des Netzwerks für Risikofamilien eine halbe Stelle im Jugendamt geschaffen. In zehn Treffen des Netzwerkes für Eltern konnte die Koordinatorin Hebammen, die Gynäkologen, die Teams auf den Entbindungsstation, Kinderärzte, Erziehungsberatung und viele andere rund um die Geburt informieren, schulen und für „Keiner fällt durchs Netz“ als bedarfsgerechtes Unterstützungsangebot gewinnen. „Die Ergebnisse haben uns so überzeugt“, führte Landrat Oliver Quilling aus, „dass wir das Unterstützungsangebot der Familienhebammen zum festen Bestandteil unserer Leistungspalette gemacht haben.“ Die Gründe, warum junge Eltern im ersten Lebensjahr eine Hilfestellung in Anspruch nehmen, sind vielfältig. Im Kreisvergleich fällt auf, dass im Kreis Offenbach 19% der besuchten Familien ausländischer Herkunft waren, doppelt so viele wie an der Bergstraße. 34% gaben eine andere Muttersprache als Deutsch an, was aufgrund der Sprachbarriere noch eher unterrepräsentiert erscheint, da viele der Informationen auf Selbstauskünften der Familien basieren.

Abschließend wies Staatssekretärin Petra Müller-Klepper darauf hin, dass das Familienhebammenprojekt Eingang in die aktuelle hessische Koalitionsvereinbarung gefunden habe. In deren Umsetzung werde „Keiner fällt durchs Netz“ auf weitere hessische Landkreise ausgedehnt. Bereits im Frühjahr hatte die Staatssekretärin den Bewilligungsbescheid für die Projektförderung an den Werra-Meissner-Kreis übergeben, der als dritter Standort in Hessen dieses Angebot der frühen Hilfe etabliert.

(Quelle: hessenstiftung –familie hat zukunft)

Hintergrund

Die hessenstiftung – familie hat zukunft wurde vor zehn Jahren vom Land Hessen ins Leben gerufen, um bestehende Hindernisse auf dem Weg zu einer familiengerechten Gesellschaft zu überwinden. Das Engagement im Projekt „Keiner fällt durchs Netz“ leitet sich aus dem Stiftungszweck ab, für Kinder ein Lebensumfeld zu fördern, das nicht nur die besondere Geborgenheit und den Schutz der Familie vermittelt, sondern auch erfolgreich auf die Veränderungen der Zukunft vorbereitet.

 

Inhalt erstellt am 18.07.2011  -  Zuletzt aktualisiert am 18.07.2011

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