Bildung kann man lernen

Kinder bauen mit Werkzeugen

Für den siebenjährigen Valentin, Zweitklässler in einer Wiesbadener Grundschule, steht die Sache fest: „Ich hasse die Schule. Immer nur lernen, lernen, lernen. Das macht mir keinen Spaß.“ Mit seiner Kritik an der Schule steht Valentin nicht allein. Schwarz auf weiß hat die PISA-Studie dem deutschen Bildungssystem bescheinigt, dass seine Leistungsfähigkeit im internationalen Vergleich nur als mittelmäßig zu bewerten ist. Diese schlechte Note hat dafür gesorgt, dass das Thema Bildung verstärkt in den Fokus der politischen Debatten und Programme gerückt ist. Angeheizt wird die öffentliche Diskussion noch durch Forderungen des Arbeitsmarktes, der von seinen Akteuren lebenslanges Lernen und einen sorgsamen Umgang mit der Ressource Wissen verlangt. 

Bildung ist jedoch weit mehr als ein Wirtschaftsfaktor im globalen Standortwettbewerb. Dr. Wolfgang Greiner, Leiter des Odenwald-Instituts in Wald-Michelbach, bringt es auf den Punkt: „Bildung muss den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit ansprechen, erreichen und entwickeln.“ Der Forderung nach lebenslangem Lernen begegnet das Odenwald-Institut mit einem ganzheitlichen Bildungsbegriff, der Verstand und Gefühl gleichermaßen umfasst. Schon seit 1978 setzt sich die Bildungseinrichtung der gemeinnützigen Karl Kübel Stiftung dafür ein, Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen.

Neben zahlreichen Bildungsmaßnahmen veranstaltet das Odenwald-Institut einmal im Jahr eine Tagung, die in Vorträgen und Workshops ein aktuelles Thema aufgreift. „Bildung und Be-Geisterung“ lautet es in diesem Jahr – für Dr. Greiner der richtige Zeitpunkt, um einen neuen Akzent in der Bildungsdiskussion zu setzen. Die vom 30.09.-02.10.2005 angesetzte Tagung soll zu einem Dialog über Fragen zeitgemäßer Bildung anregen und Konzepte erfolgreicher Bildung aus der Schulpraxis vorstellen.

Dass hierbei das Rad nicht neu erfunden werden muss, zeigen die beiden Reformpädagogen Johannes Beck und Alfred Hinz, die auf der Tagung mit einem Vortrag vertreten sein werden. Der Erziehungswissenschaftler Johannes Beck engagiert sich bereits seit den 70er Jahren für Reformpädagogik. Wenn er die Anforderungen für ein zukunftsorientiertes Bildungssystem beschreibt, setzt er den Bildungsbegriff der Klassik gegen blinde Wissensaneignung: „Den Bildungsreformern vor 200 Jahren – Humboldt und Schleiermacher – ging es nicht nur ums Lernen, sondern vor allem um die Bildung des Charakters, also um die Herausbildung guter Fähigkeiten und Haltungen gegenüber der Natur, den Dingen und den Menschen. Und das scheint mir aktueller denn je.“

Auch für Beck steht das ganzheitliche Lernen im Mittelpunkt einer neuen Pädagogik, die Kopf, Herz und Hand gleichermaßen anspricht: „Kein Sinn bildet sich allein. Intelligenz entwickelt sich durch sinnliche Wahrnehmung. Wir haben keine rechten oder linken Gehirnhälften vor uns, sondern Menschenkinder. Kinder kommen ungeteilt in die Schule. Dort können wir ihre Fähigkeiten nur fördern, wenn wir sie als Ganzes, in der Einheit ihrer Person wahr- und annehmen und in ihrem eigenen Tun unterstützen.“ (Quelle: Psychologie heute 3/05)

Alfred Hinz, Schulleiter der Bodensee-Schule St. Martin in Friedrichshafen, arbeitet schon seit 1971 an einer Ganztagsschule. Der von ihm mitentwickelte Marchtaler Plan, ein weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekanntes Bildungskonzept, basiert auf den Prinzipien der fast 100 Jahre alten Montessori-Pädagogik: „Montessori sagt: jedes Kind ist einmalig und besitzt von sich aus eine Würde. Wenn ich einem Kind eine Würde zuspreche - wie muss ich mit einem Menschen umgehen, von dem ich meine, er hätte eine Würde? Und ein Kind will lernen, sagt sie, (...) ein Kind will von sich aus lernen und ich kann sagen: bis zur zehnten Klasse.“

Die Lehrer müssen ihr eigenes Selbstverständnis überprüfen und umdenken – ein Vorgang, den Hinz als äußerst unkompliziert beschreibt: „Wir unterrichten Kinder, aber keine Fächer, das ist doch das einfachste, das kapiert doch eigentlich jeder. Und dann muss man fragen: was ist so ein Kind, was ist so ein junger Mensch? und da muss ein Kollegium einen Minimalkonsens entwickeln. Ganz bescheiden: was sagst du dazu, was hältst du davon, was empfindest du bei diesem jungen Menschen? Ach ja, da denke ich mal drüber nach. Da muss man keine große Anthropologie entwickeln, aber: was ist das Kind oder: wer ist das Kind - das sind doch einfache Fragen. Und dann: ran, Schule verändern.“ (Quelle: www.archiv-der-zukunft.de)

Die Eltern stehen solchen Reformkonzepten und den damit einher gehenden Veränderungen des Schulsystems durchaus aufgeschlossen gegenüber. Bei einer Online-Umfrage unter den Nutzerinnen und Nutzern des FamilienAtlas ist eine deutliche Mehrheit der Ansicht, dass andere Schulen benötigt werden. Über die Hälfte votiert für mehr Ganztagsschulen, ein Fünftel fordert mehr Gesamtschulen. Immerhin 16 Prozent der FamilienAtlas-Nutzer wollen mehr Privatschulen. Einer von ihnen ist Gerd B., Vater einer sechsjährigen Tochter.

Angesichts der bevorstehenden Einschulung hat er sich mit seiner Frau bewusst gegen eine Regelschule entschieden – trotz der damit verbundenen Nachteile wie längerer Schulweg und höhere Kosten. Die PISA-Debatte, aber auch die schlechten Erinnerungen an die eigene Schulzeit mit ihrem starren Unterrichtsgefüge haben zur Suche nach möglichen Alternativen geführt. „Unser Wunsch war es“, so Gerd B., „dass das Kind und nicht der Lehrstoff den Maßstab für die Unterrichtsform bildet.“ Die Suche war erfolgreich: Lina wurde jetzt auf einer Montessori-Schule angemeldet.

Ihre Meinung ist gefragt

Geht es Ihnen auch so - oder ist alles ganz anders? Diskutieren Sie mit - im FamilienForum.

 

Und wenn Sie einen Vorschlag haben für ein neues Thema des Monats: Dann schreiben Sie uns!

 

Bildungspolitik in Hessen
  • Das Land Hessen hat gemeinsam mit Bayern ein umfassendes Bildungs- und Erziehungskonzept für Kinder entwickelt, das sich nicht auf einen Altersabschnitt beschränkt, sondern die gesamte kindliche Entwicklung zwischen dem ersten und dem zehnten Lebensjahr berücksichtigt.

    Mit einer umfassenden Organisationsreform sollen Lehrerbildung, Unterricht und Schulen in Hessen konsequent modernisiert werden.

    Weitere Informationen zu den Reformkonzepten der Landesregierung finden Sie auf den Seiten des Hessischen Kultusministeriums.

 

Inhalt erstellt am 30.06.2005  -  Zuletzt aktualisiert am 02.02.2012

Detailsuche

  • Adressbuch
  • Einrichtungen und Ansprechpartner in Ihrer Nähe
  • Erste Hilfe
  • Die Anlaufstelle für den familiären Notfall
  • Kontakt
  • Der direkte Draht zur FamilienAtlas - Redaktion
Seitenanfang