Großeltern gesucht

Ein Großvater steht mit dem Rücken zu seinem Enkel

Kolja ist stolz auf seinen Opa. Zwei Stunden hat sich der Wiesbadener vor dem Kassenhäuschen des FSV Mainz 05 angestellt, um Karten für das Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund zu kaufen. Keine Frage, dass sich die beiden das Spiel auch zusammen angeschaut haben. Andere Kinder haben nicht soviel Glück – sie bekommen ihre Großeltern selten zu Gesicht. Immer mehr Eltern nutzen deshalb die ehrenamtlichen Dienste von „Leihomas“ und „Leihopas“. Deutschlandweit gibt es inzwischen rund 70 Agenturen, die Seniorinnen und Senioren an Familien vermitteln. Die steigende berufsbedingte Mobilität der Väter und Mütter ist nach Aussage der Betreiber ein entscheidender Grund für die hohe Nachfrage. Führt das Berufsleben also dazu, dass die Großeltern aus dem Blickfeld verschwinden?

Jüngere Studien, die sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigt haben, kommen zu einem überraschenden Befund: Innerhalb der meisten Familien wohnen die einzelnen Generationen zwar nicht im selben Haushalt, aber doch sehr nah beieinander. So zeigt eine Untersuchung zur räumlichen Trennung von Familien aus dem Jahr 1996, dass bei 80 Prozent aller Familien mindestens ein (erwachsenes) Kind im selben Ort oder zumindest in der näheren Umgebung lebt. Die Vorstellung, dass die Bundesrepublik eine hochmobile Gesellschaft sei, erweist sich – so das Fazit der Autoren Wolfgang Lauterbach und Karl Pillemer – als schlichtweg falsch. Einzige Ausnahme sind die Hochschulabsolventen: sie neigen in der Tat dazu, ausbildungs- und berufsbedingt einen weiter entfernten Wohnort zu wählen.

Die Nähe der Großeltern zu ihren Kindern (und somit auch zu ihren Enkelkindern) bestätigt auch der in diesem Jahr veröffentlichte Alterssurvey des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA). Die von der Bundesregierung geförderte Untersuchung hat unter anderem festgestellt, dass bei einem großen Anteil der 70- bis 85-Jährigen zumindest ein erwachsenes Kind ganz in der Nähe lebt – nämlich zu 22 Prozent im selben Haus und zu 48 Prozent im selben Ort. 

Warum ist es dann aber für viele Eltern so kompliziert, eine zuverlässige Kinderbetreuung zu organisieren? Auch mit dieser Frage beschäftigt sich die Wissenschaft. Der Alterssurvey hat herausgefunden, dass fast ein Viertel der 55- bis 69-Jährigen gelegentlich Betreuungsaufgaben übernimmt. In höherem Alter sind es nur noch 16 Prozent. Aus Elternsicht erscheinen diese Zahlen nicht besonders hoch. Haben Oma und Opa vielleicht andere Pläne und werfen das traditionelle Großeltern-Bild über Bord? Nicht unbedingt, sagt der Alterssurvey. Anhand seiner Ergebnisse lassen sich neue Lebensstile und Partizipationsformen im Alter nicht erkennen.

Aussagekräftiger ist hier eine im Jahr 1995 unter deutschen Großmüttern durchgeführte Umfrage (Ingrid Herlyn, Bianca Lehmann: Großmutterschaft im Mehrgenerationenzusammenhang). Fünf verschiedene Haltungen (so genannte „Großmutter-Stile“) konnten die Wissenschaftlerinnen in ihrer Analyse entdecken. Dabei entspricht nur ein knappes Fünftel der Befragten dem Bild der „pflichtorientierten Großmutter“, die sich regelmäßig und mit Hingabe um ihre Enkel kümmert. Rund 40 Prozent zählen zur Gruppe der „selbstbestimmten“ oder „integrierten Großmütter“, die das Zusammensein mit den Enkeln zwar genießen, im Zweifelsfall aber eigenen, außerfamiliären Interessen den Vorrang geben. Weitere 40 Prozent erklären als „ambivalente“ oder „familienunabhängige Großmütter“, dass ihr Leben mit dem ihrer Enkel wenig gemeinsam hat.

Jede Haltung hat ihre eigene Berechtigung. Denn die Beziehungen zwischen Enkelkindern und Großeltern beruhen - wie andere verwandtschaftliche Beziehungen auch - auf Freiwilligkeit und individueller Gestaltung. Und die Anforderungen des Alters sind hoch, wie Simone de Beauvoir sagt: "Wollen wir vermeiden, dass das Alter eine spöttische Parodie unserer früheren Existenz wird, so gibt es nur eine einzige Lösung, nämlich weiterhin Ziele zu verfolgen, die unserem Leben einen Sinn verleihen.“ Die Beschäftigung mit den Enkeln kann ein solches Ziel sein – auch für Leihomas und Leihopas.

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Inhalt erstellt am 14.11.2005  -  Zuletzt aktualisiert am 02.02.2012

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