An ihre erste Stunde im Geburtsvorbereitungskurs denkt Susanne G. nur ungern zurück: bei der Vorstellungsrunde zeigte sich, dass die freiberufliche Architektin aus Kassel mit 40 Jahren deutlich älter als alle übrigen Teilnehmerinnen war. Dabei hatte sie eigentlich keinen Grund, sich für ihr Alter zu schämen – laut Statistik nimmt die Zahl der so genannten „späten Mütter“, die bei der Geburt ihres ersten Kindes 35 Jahre und älter sind, seit den 90er Jahren kontinuierlich zu. Der Gender Datenreport der Bundesregierung stellt fest, dass sich ihr Anteil bei den Erstgeburten verdreifacht hat und auf 16,9 Prozent im Jahr 2003 gestiegen ist. Noch stärker steigen die Geburtenzahlen bei Frauen ab 40: 1991 hatten nur 0,8 Prozent der erstgeborenen Kinder eine Mutter von 40 Jahren und älter, im Jahr 2000 waren es 1,8 Prozent und 2003 bereits 3,9 Prozent.
Ist diese Entwicklung das bewusst herbeigeführte Resultat einer neuen weiblichen Lebensplanung? Susanne G. glaubt nicht daran. Erst mit 40 Jahren Mutter zu werden, war bei ihr keine seit langem geplante Entscheidung: „Ich hab schon früher gedacht, eigentlich hätte ich gerne Kinder, aber es passt jetzt gerade nicht.“ Wenn der richtige Partner fehlt, wenn die beruflichen Anforderungen in den Vordergrund rücken, wird der Kinderwunsch erst einmal aufgeschoben. Aber spätestens mit Ende 30 meldet er sich wieder – und zwar heftig.
Aus medizinischer Sicht ist das nicht ungefährlich: ab 35 wird eine Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft eingestuft. Das Risiko einer Fehlgeburt ist beispielsweise mit 40 Jahren fast doppelt so hoch wie mit 30. Und die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären, liegt bei einer 40-Jährigen bei 1 : 100. Insofern ist gerade die erste Phase der Schwangerschaft für viele späte Mütter von Angst und Nervosität gekennzeichnet.
Ist das Kind dann gesund auf die Welt gekommen, kann das Mutterdasein durchaus entspannt sein – entspannter als bei jüngeren Frauen. Denn aufgrund ihrer Lebens- und Berufserfahrung haben die älteren Mütter nicht mehr das Gefühl, durch das Kind etwas zu verpassen. Der Nachwuchs wird nicht als Belastung empfunden, sondern bewusst in den Mittelpunkt gestellt. So fällt es auch leichter, jene Dinge über Bord zu werfen, die kinderlosen Paaren oft ans Herz gewachsen sind: das stundenlange Sonntagsfrühstück, die ungestörte Strandlektüre oder der spontane Stadtbummel.
Die Familienkonstellation, die durch die späte Mutterschaft entsteht, ist jedoch nicht unproblematisch. Die Kinder der späten Mütter und Väter sind in der Regel Einzelkinder – innerhalb einer biografischen Situation, die große Belastungen mit sich bringen kann. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, stecken ihre Eltern möglicherweise mitten in den Wechseljahren bzw. der Midlife Crisis; wenn sie in den Beruf einsteigen, werden sie vielleicht mit dem Tod oder der Pflegebedürftigkeit eines Elternteils konfrontiert. „Man kann nur hoffen“, sagt Susanne G., „dass man im Alter noch lange agil und fit ist, auch mental.“
Auf die familiäre Arbeitsteilung hat die späte Mutterschaft übrigens keine positiven Auswirkungen. Wie eine Studie der Universität Hannover ergeben hat, sind die Partner später Mütter selten dazu bereit, den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie zu reduzieren. Ebenso wenig steigt ihr Engagement im Haushalt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch für Frauen ab 40 schwer zu realisieren.
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