Schaukelstuhl statt Schaukelpferd?

Großmutter mit Enkelkindern

Kaum haben sich die Hessen mit den Folgen des Klimawandels bekannt gemacht, da zeichnet sich eine weitere drastische Veränderung in ihrem Lebensumfeld ab: der so genannte demographische Wandel. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten deutlich schrumpfen und ihre Altersstruktur völlig umgekrempelt wird. Kurz gefasst: Es wird immer weniger Kinder und dafür mehr alte Menschen in Hessen geben.

Nach einer Schätzung des Statistischen Landesamtes wird die hessische Bevölkerung bis 2020 noch um etwa 32.000 Personen wachsen. Bis zum Jahr 2050 jedoch geht die Einwohnerzahl voraussichtlich um rund 600.000 Personen zurück. Dabei sind deutliche regionale Unterschiede zu verzeichnen: Während z.B. der Werra-Meißner-Kreis fast die Hälfte seiner Einwohner verlieren wird, können Städte wie Wiesbaden und Offenbach sogar mit einer Bevölkerungszunahme rechnen.

Zugleich erwarten die Statistiker bis 2050 eine gravierende Veränderung in der Altersstruktur der Hessen:

  • Die Zahl der Drei- bis unter Sechsjährigen nimmt um ein Drittel ab.
  • Die Zahl der Sechs- bis unter Zwanzigjährigen sinkt um fast ein Drittel.
  • Die Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 60 Jahre) sinkt um ein Viertel.
  • Die Zahl der Sechzigjährigen und Älteren steigt um 44 %.
  • Die Zahl der Hochbetagten steigt sogar um 185 %.

Die Zukunftsbilder, die diese Zahlen heraufbeschwören, sind recht widersprüchlich. Die einen befürchten verödete Landstriche, leerstehende Schulen und überfüllte Altersheime, während andere sich auf einen entspannten Arbeits- und Wohnungsmarkt, weniger Verkehr und freie Plätze im Lieblingslokal freuen. Ist der demographische Wandel ein Horrorszenario oder – im Gegenteil – der Weg zu einer neuen Idylle?

Auf jeden Fall wird unsere schrumpfende und älter werdende Gesellschaft die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen. Zu diesem Ergebnis kommt die Enquetekommission „Demographischer Wandel – Herausforderung an die Landespolitik“, die der Hessische Landtag im Jahr 2003 eingerichtet hat. Wenn der Anteil der älteren Menschen wächst und die Bevölkerungszahl in manchen Regionen deutlich zurückgeht, so wirkt sich dies auf die Produktion, den Arbeitsmarkt, den Kapitalmarkt, die Nachfragestruktur und auch auf die öffentlichen Finanzen aus. Auch in anderen zentralen Lebensbereichen ist mit vielfältigen Auswirkungen zu rechnen. Aber nach Auffassung der Kommission sollte der demographische Wandel nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als eine Herausforderung verstanden werden.

Die hessische Landesregierung begegnet dieser Herausforderung mit der Absicht, längerfristig eine Trendwende einzuleiten. Ein Schritt auf diesem Weg ist das Modellprojekt “Hessen 2050 – Sichere Zukunft im demographischen Wandel“, für das sich acht Landkreise und eine kreisfreie Stadt beworben haben. Die vom Land ausgewählten Kommunen – der Werra-Meißner-Kreis, die Landkreise Marburg-Biedenkopf und Darmstadt-Dieburg sowie die Stadt Wiesbaden – erhalten nun Unterstützung beim Aufbau vernetzter Strukturen vor Ort. Kommune, Wirtschaft, Verbände, Kirchen und Wissenschaft sollen sich gemeinsam Gedanken machen und Konzepte entwickeln.

Mit familienfreundlicheren Rahmenbedingungen will das hessische Sozialministerium dazu beitragen, die Geburtenrate in Hessen wieder zu erhöhen. Inwieweit dies auf kommunaler Ebene gelingen kann, wird zur Zeit in dem Modellprojekt „Familienstadt mit Zukunft“ erprobt. Das nordhessische Frankenberg wurde 2005 als erste Kommune ausgewählt, um über einen Zeitraum von 10 Jahren eigene Projekte zum Thema Familienfreundlichkeit zu entwickeln. Mit den Mitteln, die das Land Hessen bereitstellt, sollen eine Einkaufsbetreuung, ein Kinder- und Familienbüro sowie ein Familiencafé geschaffen und für Neugeborene Sparkonten eingerichtet werden. Geplant ist zudem ein Gutscheinmodell zum Einkauf von Betreuungsleistungen von Tagesmüttern und –vätern.

Ein wesentlicher Aspekt des demographischen Wandels lässt sich jedoch kaum beeinflussen: bis zum Jahr 2050 wird die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich ansteigen – im Vergleich zu heute um rund 6 Jahre. Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht in diesem Zusammenhang bereits von der „erweiterten Biografie“, die die Lebensplanung des einzelnen Menschen vor völlig neue Aufgaben und Möglichkeiten stellt. Doch werden wir diese Möglichkeiten tatsächlich nach eigenen Vorstellungen nutzen können?

Schon mehren sich die mahnenden Stimmen, die auf ökonomische Sachzwänge verweisen: „Immer länger leben, aber immer weniger arbeiten: das passt nicht zusammen“ (Aktion Demographischer Wandel). Andere Pläne haben die Marketingexperten. Die von ihnen als Generation 50plus, Best Ager oder Woopies (Well-off older people) etikettierten neuen Alten versprechen ein beträchtliches Konsumpotenzial, das noch wesentlich stärker ausgeschöpft werden soll. Bei einer Kaufkraft von mehr als 290 Milliarden Euro pro Jahr ist der „silberne Markt“ längst ins Visier der Sportartikel- und Fitnessindustrie, der Finanzdienstleister, Reiseveranstalter und Handyhersteller geraten.

Wenn der dritte Lebensabschnitt mit seiner Verlängerung tatsächlich auch eine größere Qualität bekommen soll, muss man eigene Perspektiven entwickeln. Gefragt sind Einfallsreichtum, Beharrlichkeit und – kompetente Beratung. In einem Vortrag vor der hessischen Enquetekommission hat Matthias Horx ein schönes Bild entworfen, wie der Weg ins Alter begleitet werden könnte:

„Ich stelle mir vor, dass es z. B. hier an der Ecke so etwas wie eine ‚biografische Lebensberatung’ gibt. Dort kann ich hineingehen und sagen: Ich bin jetzt 50, was soll ich tun? – Es sitzen sehr verständige Menschen dort, die mich fragen, wie es eigentlich mit mir aussieht.“

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Inhalt erstellt am 17.05.2006  -  Zuletzt aktualisiert am 02.02.2012

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