Kinder brauchen Bewegung

Ein Junge wird von seinem Vater durch die Luft gewirbelt.

Einen Kilometer schafft man in zehn Minuten – oder auch nicht. „Mir tun die Füße weh!“, jammerte der 8-jährige Tom schon nach wenigen Metern, als er mit seinem Schulfreund Marvin einen kleinen Spaziergang zum in der Nähe gelegenen Bach unternehmen sollte. Was Marvins Mutter sehr überrascht hat, ist für Ärzte und Sportwissenschaftler längst zum Faktum geworden: die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen nimmt immer mehr ab.

Viele Eltern merken das nicht nur beim Familienausflug, sondern auch bei einem Sportritual, das sie aus der eigenen Schulzeit noch in einer mehr oder weniger guten Erinnerung haben – den Bundesjugendspielen. Während es seinerzeit zumeist darum ging, ob man eine Sieger- oder eine Ehrenurkunde einheimste, werden heutzutage vornehmlich Teilnehmerurkunden ausgeteilt. Bei einem 1976 und 1996 durchgeführten Motorikvergleich im Rumpfbeugen und Sechs-Minuten-Lauf betrug der gemessene Leistungsunterschied bei den Schülerinnen und Schülern bis zu 20 Prozent.

Diese Zahlen werden von dem „Ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht“ bestätigt, der 2003 auf Initiative der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung erstellt und veröffentlicht wurde. Darin heißt es, dass Kinder und Jugendliche heute körperlich und motorisch etwa zehn Prozent weniger leistungsfähig sind als ihre Altersgenossen in den 70er Jahren.

Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass wir lauter kleine Sportmuffel vor uns haben. Im Gegenteil - 60 bis 70 Prozent der Heranwachsenden im Vereinssport sind Kinder zwischen 4 und 12 Jahren. Gerade in größeren Städten werden schon Kindergartenkinder im Sportverein angemeldet, weil ihnen in ihrem Wohnumfeld die Möglichkeiten für gefahrloses Spielen und Herumtoben fehlen.

Der Sportverein mit seinem gezielten Training kann aber diese spielerische Bewegung im Freien nicht ersetzen. Dr. Alexander Woll von der Universität Karlsruhe bringt es auf den Punkt: „Die Kinder beherrschen den Spannschuss im Fußball, können aber nicht mehr auf den Baum klettern, um den Ball zu holen, den sie hochgeschossen haben.“ (4. Osnabrücker Kongress „Kindheit in Bewegung“). Das Problem ist die dramatische Veränderung unseres Lebensalltags. Die Zunahme des Straßenverkehrs, Verstädterung und Technologisierung haben dazu beigetragen, dass Kinder, auch wenn sie Vereinssport treiben, sich heute anders und weniger bewegen als vor 25 Jahren.

Für Prof. Dr. Ralf Laging, Sportwissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg, ist dieser alltägliche Bewegungsmangel die größte Herausforderung: „Daher muss die Frage auch lauten: Wie bringen wir Kinder im Alltag wieder in Bewegung? Zum Beispiel die Treppe zu nehmen, statt den Fahrstuhl zu benutzen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen, statt sich mit dem Auto bringen zu lassen. Wiesen als Bolzplätze und Büsche als Gelegenheit zum Versteckspielen zu erkennen. Wir müssen den Kindern diese Gelegenheiten, die zur Bewegung auffordern, verstärkt ins Bewusstsein rufen.“ (ganztagsschulen.org)

Das ist dringend nötig, denn der Bewegungsmangel hat gravierende gesundheitliche Folgen. Eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Untersuchung hat bei 60 Prozent der Kinder in Kindergärten Haltungsschwächen oder –schäden festgestellt. 30 Prozent hatten Übergewicht, 40 Prozent litten unter einem schwachen Herz-Kreislauf-System und bei etwa 35 Prozent mussten muskuläre Schwächen und Koordinierungsprobleme diagnostiziert werden.

Ein Sportverein aus Wiesbaden zeigt beispielhaft, wie man mit vereinten Kräften etwas dagegen tun kann. Der TV Breckenheim kooperiert seit einigen Jahren mit dem städtischen Kindergarten und der Grundschule Breckenheim, um Kinder für den Sport zu begeistern und ihnen Freude an der Bewegung zu vermitteln. Das preisgekrönte „Breckenheimer Modell” bietet kindgerechte Sportangebote, in denen auf eine zu frühe Spezialisierung verzichtet wird. Die Breckenheimer Grundschüler bewegen sich so über den Schulsportunterricht hinaus und nehmen an allen überschulischen Sportwettkämpfen teil. Außerdem sorgt der Vereinsschwimmkurs dafür, dass alle Schulkinder im 2. Schuljahr schwimmen können.

In seinem neuen Projekt „Spielen mit Bewegungspass“ will der TV Breckenheim mit seinen Kooperationspartnern vorhandene und noch zu schaffende Spielorte und Bewegungsstationen im Freien beschreiben, kennzeichnen und in einer Broschüre zusammenstellen. Die Kinder erfassen deren Nutzung in einem Spiel- und Bewegungspass und geben sie in ein PC-Programm ein. Auch dieses Projekt ist erfolgreich – der Sportverein gehört zu den 25 Preisträgern beim diesjährigen bundesweiten Ideenwettbewerb „Spielen und Bewegen - Mehr Platz für Kinder“ des Deutschen Kinderhilfswerks.

Auch die Eltern könnten viel dazu beitragen, ihre Kinder in Bewegung zu versetzen – beispielsweise durch ein verändertes Mobilitätsverhalten, das bei kurzen Strecken auf das Auto verzichtet. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus: Legten zu Beginn der 70er Jahre noch 91 Prozent der Erstklässler den Schulweg allein oder zusammen mit anderen Kindern zurück, so waren es im Jahr 2000 nur noch 17 Prozent. Der Grund ist nicht nur Bequemlichkeit. Viele Eltern wollen ihre Kinder nicht den Gefahren eines stetig wachsenden Autoverkehrs aussetzen - und merken dabei nicht, dass sie selbst massiv zu dem Problem beitragen, vor dem sie ihre Kinder schützen möchten.

Doch auch wenn mehr Eltern auf die motorisierten Hol- und Bringdienste verzichten würden, gäbe es in den Städten nicht zwangsläufig mehr Bewegungsfreiheit. Der öffentliche Raum ist weitgehend zugepflastert - ihn für unsere Kinder zu öffnen, hieße ein Umdenken in der Stadt- und Verkehrsplanung: keine Verdichtung mehr um jeden Preis, sondern Mut zur freien Fläche.

Ihre Meinung ist gefragt

Geht es Ihnen auch so - oder ist alles ganz anders? Diskutieren Sie mit - im FamilienForum.

Und wenn Sie einen Vorschlag haben für ein neues Thema des Monats: Dann schreiben Sie uns!

 

Inhalt erstellt am 22.06.2006  -  Zuletzt aktualisiert am 02.02.2012

Detailsuche

  • Adressbuch
  • Einrichtungen und Ansprechpartner in Ihrer Nähe
  • Erste Hilfe
  • Die Anlaufstelle für den familiären Notfall
  • Kontakt
  • Der direkte Draht zur FamilienAtlas - Redaktion
Seitenanfang