Wer arbeitet und Kinder hat, fühlt sich oft wie in einer Zerreißprobe: Familie und Beruf machen sich gegenseitig die verfügbaren Zeit- und Energiereserven streitig, und die eigenen Bedürfnisse geraten gänzlich ins Hintertreffen. Viele Erwerbstätige entscheiden sich angesichts dieser Schwierigkeiten von vornherein gegen Kinder. Das Problem der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine der größten Herausforderungen für die Familienpolitik. Nach der finanziellen Förderung junger Familien und der Verbesserung der Kinderbetreuung hat das Bundesfamilienministerium jetzt die Unternehmen ins Visier genommen – Familienfreundlichkeit soll zu einem Markenzeichen der deutschen Wirtschaft werden.
Das zu diesem Zweck gestartete Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ wendet sich direkt an die Geschäftsführer und Manager deutscher Firmen. Unter der Webadresse erfolgsfaktor-familie.de können sie erfahren, dass familienfreundliche Maßnahmen im Betrieb nicht nur den Mitarbeitern gut tun, sondern auch noch rentabel sind. Denn durch Familienfreundlichkeit sinken die Kosten für die Überbrückung der Elternzeit, familienbedingte Fluktuation oder die Wiedereingliederung nach der Elternzeit. Wie eine Modellrechnung der Prognos AG zeigt, übersteigen die Einsparungen auch bei kleineren Unternehmen deutlich die Investitionen in eine familienbewusste Personalpolitik. Danach gibt ein mittelständisches Modellunternehmen jährlich 42.500 Euro für Familienfreundlichkeit aus und spart dadurch 48.930 Euro ein – ein „Return on Investment“ (ROI) von 15 Prozent.
Der Webauftritt des Programms ist mittlerweile um ein interaktives Netzwerk erweitert worden. Unter www.erfolgsfaktor-familie.de/netzwerk bietet das Portal Unternehmen, die eine familienbewusste Personalpolitik praktizieren oder dies planen, eine Wissens-, Themen- und Kontaktplattform. Das Netzwerk vermittelt Ansprechpartner und Erfahrungsberichte anderer Unternehmen, bietet eine Informations- und Kooperationsbörse sowie exklusive Veranstaltungen.
Doch wie sieht Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz in der Praxis aus? Ein Erfolgsbeispiel aus Hessen ist die Commerzbank AG in Frankfurt am Main. Als erstes deutsches Unternehmen hat die Commerzbank 1999 eine spontane Kinderbetreuung auf betrieblicher Ebene eingeführt. „Kids & Co.“ bietet unkomplizierte Hilfe, wenn die Tagesmutter krank ist, der Kindergarten geschlossen hat oder ein unvorhergesehener Kundentermin ansteht. Der kostenfreie Service wird von 7.00 Uhr – 19.00 Uhr, nach Absprache auch zu früheren oder späteren Zeiten sowie am Wochenende angeboten. Darüber hinaus erhalten Commerzbank-Eltern Zuschüsse zu den Kinderbetreuungskosten sowie kostenlose Beratungs- und Vermittlungsleistungen rund um die Kinderbetreuung. Kids & Co. wurde im Jahr 2005 um eine Kindertagesstätte in Frankfurt erweitert, die regelmäßige Betreuung anbietet. Dort werden zur Zeit rund 80 Plätze zur Verfügung gestellt. Die Öffnungszeiten sind weit gefasst und sehr flexibel, darüber hinaus können bei Bedarf Teilzeitplätze gebucht werden.
Das Engagement hat sich gelohnt: die Commerzbank gehört zu jenen Unternehmen, die mit einem Zertifikat des audits berufundfamilie ausgezeichnet worden sind. Das Gütesiegel für Familienbewusstsein wurde 1998 auf Initiative und im Auftrag der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung entwickelt. Es ist ein strategisches Managementinstrument, das Arbeitgeber darin unterstützt, Unternehmensziele und Mitarbeiterinteressen in eine tragfähige, wirtschaftlich attraktive Balance zu bringen. In diesem Jahr haben 131 Firmen und Institutionen die Auszeichnung erhalten.
Neben Angeboten zur Kinderbetreuung spielt unter den familienfreundlichen Maßnahmen der prämierten Unternehmen auch die Arbeitszeitflexibilisierung eine große Rolle. Das ist kein Wunder: damit Eltern ihren oft recht zeitintensiven Familienpflichten (und –freuden) besser nachkommen können, muss Arbeit flexibler organisiert werden - zum Beispiel durch eine Teilzeittätigkeit. Seit 2001 gibt es das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Es verankert einen grundsätzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit für alle Arbeitnehmer in allen Berufsgruppen, auch bei qualifizierten Tätigkeiten und leitenden Positionen. Das Gesetz gilt selbstverständlich auch für Männer – nur wird es von ihnen bislang kaum wahrgenommen. Laut Statistik arbeiteten im Jahr 2001 lediglich 5,8 Prozent der abhängig beschäftigten Männer in Teilzeit.
Aus diesem Grund rücken in jüngster Zeit vermehrt die Väter in den Fokus der Familienpolitik. So hat das Hessische Sozialministerium gemeinsam mit der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der „hessenstiftung - familie hat zukunft“ im März 2006 den Kongress „Väter aktiv!“ ausgerichtet. Die dritte Veranstaltung der Kongressreihe „Dialog Beruf & Familie in Hessen“ sollte Anstöße für Väter wie Unternehmen geben, die Vaterrolle nicht nur als Feierabendprogramm zu begreifen. Sozialministerin Silke Lautenschläger nahm insbesondere die Wirtschaft in die Pflicht: „Die Übernahme von Verantwortung für Kinder und Familie durch die Väter braucht mehr Anerkennung, auch gerade in den Betrieben.“
Profitieren würden alle davon, wie Andreas de Maizière, Personalvorstand der Commerzbank AG, feststellt: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre eigenen Vorstellungen von Beruf und Privatleben umsetzen können, motiviert, konzentriert und kreativ an ihre beruflichen Aufgaben herangehen. Dies macht sich in vielen Feldern – nicht zuletzt im Kontakt mit Kunden – wirtschaftlich positiv bemerkbar.“ (Quelle: Work Life Balance)
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