Mehr Schutz für Kinder

Mutter und Sohn

Nach einer UNICEF-Studie sterben in Deutschland jede Woche etwa zwei Kinder an den Folgen von Misshandlungen oder Vernachlässigung. Die bestürzenden Todesfälle gehen einher mit einer Vielzahl körperlicher und seelischer Verletzungen, die meist im verborgenen Kreis der Familie zugefügt werden. Untersuchungen des Kinderhilfswerks haben gezeigt, dass eine Reihe von Faktoren das Risiko für die Kinder entscheidend prägen: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt zwischen den Eltern sowie Armut, Arbeitslosigkeit, Stress und psychische Erkrankungen.

„Diese Eltern hassen ihre Kinder nicht“, sagt UNICEF-Sprecher Rudi Tarneden in einem Interview auf unicef.de. „Aber sie sind überfordert, haben sich nicht unter Kontrolle, reagieren ihren Frust spontan ab. Oft sind sie psychisch labil.“ Die größte Schwierigkeit besteht für den Kinderschutz-Experten darin, diese Risikofamilien frühzeitig zu erkennen und ihnen Hilfsangebote zu machen. Der Zeitpunkt des Handelns ist besonders wichtig - denn je eher die Anzeichen von Vernachlässigung und Misshandlung bemerkt werden, umso größer ist die Chance, dass den Familien geholfen werden kann.

Einzelmaßnahmen reichen hier nicht aus, stellt Hessen Sozialministerin Silke Lautenschläger fest: „Es bedarf eines breiten Spektrums an Maßnahmen, um die Vernachlässigung von Kindern zu stoppen. Deshalb hat die Hessische Landesregierung in den vergangenen Jahren bereits vielfältige Anstrengungen unternommen, um Kinder besser vor Gewalt und Vernachlässigung zu schützen. Achtgeben, Informieren, Fortbilden und Vernetzen, Vorsorgen, Helfen und Stark machen sind Bausteine einer Kette für Kinderschutz in Hessen.“

Als einen ersten Schritt hin zu einer verbesserten medizinischen Kontrolle hat das Land Hessen ein Kindergesundheitsschutzgesetz verabschiedet, das zum 1. Januar 2008 in Kraft getreten ist. Das Gesetz verpflichtet die hessischen Eltern, mit ihren Kindern die von den Krankenkassen finanzierten Früherkennungsuntersuchungen (U1 bis U9) wahrzunehmen. Informationen hierzu erhalten die Eltern bereits zur Geburt in den Krankenhäusern. Ein eigens vom Land eingerichtetes Kindervorsorgezentrum mit Sitz in Frankfurt wird nachlässige Eltern an ihre Pflicht erinnern. Erfolgt abermals keine Untersuchung, wird das Jugendamt informiert, um weitere Schritte einzuleiten.

Neben dieser neuen gesetzlichen Maßnahme gibt es in Hessen zahlreiche Projekte zur Vernetzung und Weiterbildung jener Institutionen und Berufsgruppen, die sich für Kinder engagieren oder tagtäglich ihnen arbeiten. So bringt der Schutzring Hessen Ärzte, Erzieher, Richter und Kriminologen mit den im Kinderschutz tätigen Institutionen an einen Tisch, um so das Netz zum Schutz der Kinder enger ziehen zu können. Bereits seit dem Jahr 2000 ist das Netzwerk „Gewaltprävention im Gesundheitswesen“ aktiv. Es bündelt die Kompetenzen von Expertinnen und Experten aus Hilfeeinrichtungen, psychotherapeutischer Praxis, Chirurgie und Allgemeinmedizin, Rechtsmedizin, der zahnärztlichen Versorgung, Gesundheitsämtern, der Fachanwaltschaft, der Landesärztekammer Hessen, der Landespsychotherapeutenkammer Hessen sowie der hessischen Sozial- und Gesundheitspolitik.

Innerhalb des Gesundheitswesens ist in letzter Zeit vor allem ein Berufsstand in den Fokus gerückt: die Hebammen. Sie können sich nun im Rahmen eines Landesfortbildungsprogramms zur so genannten Familienhebamme ausbilden lassen. Anschließend betreuen sie Schwangere, Mütter und deren Kinder, die besonderen gesundheitlichen, medizinisch-sozialen oder psychosozialen Risiken ausgesetzt sind. Dabei geht es vor allem darum, frühzeitig Hilfsangebote bereitzustellen. Die Familienhebammen arbeiten daher eng mit Behörden, Ärzten sowie karitativen Einrichtungen zusammen und vermitteln die Familien weiter, wenn es nötig ist.

Familienhebammen stehen auch im Mittelpunkt des von der „hessenstiftung – familie hat zukunft“ geförderten Projektes „Keiner fällt durchs Netz“. Das in den Landkreisen Bergstraße und Offenbach angesiedelte und auf drei Jahre ausgelegte Modellprojekt zielt auf einen frühen Zugang vor allem zu jenen Familien, die nicht über die Ressourcen verfügen, ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Ihnen wird eine Familienhebamme an die Seite gestellt, die die Familie unterstützt und ein wachsames Auge vor allem auf das Wohl des Kindes hat.

Ein weiterer Projektschwerpunkt zum Kinderschutz in Hessen liegt bei den Erzieherinnen und Erziehern in den Kindergärten. Spezielle pädagogische Programme helfen ihnen, die sozialen Kompetenzen der Kinder zu stärken. Dadurch sollen die Kinder selbst in die Lage versetzt werden, den Risiken, die zu späterem Sucht- und Gewaltverhalten führen können, selbstbewusst zu begegnen. „Papilio“ heißt eines dieser Präventionsprogramme, bei dem Kinder im Alter von vier bis sieben, Erzieherinnen und Erzieher sowie die Eltern gleichermaßen einbezogen werden. Hessen war das erste Bundesland, das die flächendeckende Einführung des Programms beschlossen hat. Seine Wirksamkeit basiert auf einer Reihe von differenzierten Fortbildungen: Trainer und Trainerinnen aus den Fachstellen für Suchtprävention werden für die Verbreitung von Papilio qualifiziert und bilden dann ihrerseits Erzieher/-innen fort, die das Programm im jeweiligen Kindergarten ein- und durchführen. Bisher sind in Hessen bereits 420 Erzieher/-innen ausgebildet und 7.600 Kinder erreicht worden (Quelle: papilio.de).

Das aus den USA stammende „Faustlos“-Programm ist nicht nur für den Kindergarten, sondern auch für die Grundschule entwickelt worden. Das Curriculum vermittelt Kompetenzen in den Bereichen Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut. Unterrichtet werden die Lektionen von Erzieher/-innen, die vorab an einer entsprechenden Fortbildung durch das Heidelberger Präventionszentrum (HPZ) teilnehmen. „Faustlos“ gehört schon in vielen hessischen Kindertagesstätten zum festen Inventar der pädagogischen Arbeit. Um seine Verbreitung zu steigern, hat das Land allen Kitas in Hessen die Fortbildung samt Materialausstattung angeboten. Diese Angebote werden fortgesetzt.

Nicht zuletzt sind es die werdenden oder jungen Eltern, an die sich neuerdings einige innovative Hilfs- und Informationsangebote wenden. Das in Hamburg initiierte und mittlerweile in 8 Bundesländern präsente Projekt „wellcome“ bietet Nachbarschaftshilfe auf ehrenamtlicher Basis, um junge Familien praktisch und unbürokratisch zu unterstützen. In Hessen unterhält „wellcome“ ein Büro in Eschwege, das den Werra-Meißner-Kreis betreut.

„Das Baby verstehen“ ist ein Projekt der Karl-Kübel-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Präventionszentrum. Ärzte, Hebammen und Psychologen geben den zukünftigen Eltern Informationen über frühe Entwicklungsprozesse, die ihnen bei der Betreuung ihres Kindes helfen werden. Zudem werden sie für das Ausdrucksverhalten ihres Babys sensibilisiert und können so mehr Spaß mit ihm zusammen haben. Elternkurse bietet auch der Deutsche Kinderschutzbund an. „Starke Eltern – starke Kinder“ heißt das Angebot, das mit dem Modell einer anleitenden Erziehung bei den Stärken der Eltern ansetzt und dadurch die Kommunikation innerhalb der Familie verbessern will.

Bei allen Maßnahmen, Programmen, Kursen und Projekten, die hier nur beispielhaft benannt werden, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass ein besserer Kinderschutz vor allem auch eines braucht: mehr Zivilcourage. „Es darf nicht sein“, sagt Hessens Sozialministerin Lautenschläger, „dass Kinder mitten unter uns verhungern, ohne dass Nachbarn und Bekannte Alarm schlagen. Wenn alle mehr auf ihr Umfeld Acht geben, könnten wir oft das Schlimmste verhindern.“

Ein erster Schritt ist es, genauer hinzuschauen und keine Scheu zu haben, mit den betroffenen Eltern Kontakt aufzunehmen und ihnen dann gegebenenfalls auch Hilfe anzubieten.

Lautenschläger empfiehlt, das Jugendamt oder Kinderschutzzentren aufmerksam zu machen, wenn man sich selbst nicht sicher ist oder sich nicht einzugreifen traut.

Inhalt erstellt am 05.03.2008  -  Zuletzt aktualisiert am 02.02.2012

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