Drei Generationen unter einem Dach – das ist die Familie Sonnenfeld. Um an ihrem turbulenten und bisweilen chaotischen Leben teilhaben zu können, muss man den Fernseher einschalten. Denn die Regensburger Großfamilie ist nur eine TV-Familie. Im wirklichen Leben muss man lange suchen, um Großeltern, Eltern und Enkel zu finden, die noch in einem gemeinsamen Haushalt leben.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat der Anteil der Mehrgenerationenhaushalte in den letzten Jahrzehnten immer mehr abgenommen. Waren es 1972 im früheren Bundesgebiet noch 3,3 Prozent aller Haushalte, so sank dieser Anteil bis 1991 schon auf 1,2 Prozent. Im Jahr 2004 verzeichneten die Statistiker nur noch 282.000 Haushalte, in denen drei und mehr Generationen lebten – ein Anteil von 0,7 Prozent.
Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser
Mit den gemeinsamen Haushalten schwinden auch die einst selbstverständlichen Begegnungen der Generationen. Die wertvollen Erfahrungen und Alltagskompetenzen der älteren Menschen bleiben so oft ungenutzt. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das bundesweite Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser ins Leben gerufen. Es hat den Anspruch, das Prinzip der Großfamilie in die heutige Gesellschaft zu übertragen: „Mehrgenerationenhäuser eröffnen Räume, die den Zusammenhalt der Generationen festigen", sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen.
Dabei sind die Häuser nicht als gemeinsames Wohnprojekt, sondern als offene Begegnungsstätte gedacht, in der Jung und Alt voneinander profitieren können: „Unser Ziel ist es, Mehrgenerationenhäuser als Drehscheiben für Dienstleistungen zu etablieren, die Menschen verschiedenen Alters wirklich brauchen: Angefangen vom Wäscheservice oder Computerkurs für Internetbanking über die Leih-Oma bis hin zum Mittagstisch für Schulkinder und die Krabbelgruppe", so von der Leyen weiter.
Netzwerk aus Fähigkeiten und Dienstleistungen
Auf diese Weise soll ein Netzwerk entstehen, in das sich jeder und jede mit den persönlichen Fähigkeiten einbringen kann. Auch die Schulen, Vereine, Bibliotheken, Feuerwehren und andere kommunale Einrichtungen sollen sich mit sozialen Dienstleistungen beteiligen. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit örtlichen Unternehmen vorgesehen, die das Angebot der Mehrgenerationenhäuser fördern und für sich in Anspruch nehmen können.
Nach dem Start des Aktionsprogramms haben sich deutschlandweit 1.700 Einrichtungen um die Aufnahme beworben. Aus den Einreichungen wurden die 500 besten ausgewählt, darunter auch 28 Häuser aus Hessen. Mittlerweile haben alle Mehrgenerationenhäuser ihre Arbeit aufgenommen, und ihre von 15.000 ehrenamtlich Aktiven unterstützten Angebote werden täglich von rund 90.000 Menschen genutzt. Vor diesem Hintergrund sehen die Initiatoren in dem Programm auch ein „Erfolgsmodell für freiwilliges Engagement“.
Generationenübergreifende Freiwilligendienste
Neben den Mehrgenerationenhäusern gibt es noch weitere Bundesprojekte, die das von Jung und Alt getragene Engagement fördern. So ist das Modellprojekt „Generationenübergreifende Freiwilligendienste“ seit 2004 im Rhein-Main-Gebiet und fünf weiteren Regionen vertreten. Es wendet sich an Menschen aller Altersgruppen, die sich in gemeinsamen Teams sozial und gemeinnützig engagieren möchten – zum Beispiel in Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten oder Betreuungseinrichtungen. Organisiert wird der Freiwilligendienst von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenbüros und den Evangelischen Freiwilligendiensten für junge Menschen.
Dialog der Generationen
Bereits 1997 ist das Projektbüro „Dialog der Generationen" im Rahmen einer Kampagne des Bundesfamilienministeriums gegründet worden. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in der Koordinierung, Information, Fort- und Weiterbildung generationsübergreifender Projekte in ganz Deutschland. Deren Zahl und Bandbreite ist mittlerweile sehr groß, wie die vom Projektbüro betreute Datenbank zeigt. Von den darin enthaltenen 670 Projekten stammen rund 70 aus Hessen – vom Altenbeirat bis zum „Wohnen für Mithilfe“.
Minijob statt Miteinander?
So erfolgreich die vorgestellten Projekte auch sind – nicht jeder ältere Mensch kann sich ein ehrenamtliches Engagement leisten. Denn immer mehr Rentner müssen ihre freie Zeit dafür verwenden, ihr knappes Einkommen mit einem Minijob aufzubessern. So hat sich nach Angaben des DGB Frankfurt die Zahl der Minijobber über 65 in der Mainmetropole zwischen 2003 und 2007 um mehr als 40 Prozent erhöht - ein Trend, der sich bundesweit abzeichnet und bei den Initiativen zum aktiven Miteinander der Generationen nicht vergessen werden sollte.
