Die wenigsten Alleinerziehenden haben sich bewusst dafür entschieden, ihren Nachwuchs ohne festen Partner an ihrer Seite großzuziehen. Hinter jeder Familie ohne Mutter oder Vater steht eine persönliche Geschichte mit unendlich vielen Variablen, die sich zum Beispiel wie folgt liest:
Marias Story: Maria aus Frankfurt ist Mitte 30 und hört die viel zitierte biologische Uhr immer lauter ticken. Der Mann in ihrem Leben ist verheiratet und will das auch weiterhin bleiben. Trotzdem setzt sie die Pille ab und trägt es mit Fassung, dass der Vater ihres Kindes ihr gegen Ende der Schwangerschaft den Laufpass gibt. Als Freiberuflerin kann Maria sich keine Sentimentalitäten leisten. Sie muss zusehen, dass sie schon wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes wieder zu arbeiten anfängt, um den Anschluss nicht zu verpassen und Geld in die Kasse zu bringen.
Katrins Story: Nach sechs Jahren Auf und Ab zieht Katrin einen Schlussstrich und setzt ihrem Ehemann die Koffer vor die Tür. Sie ist die heftigen Auseinandersetzungen ein für allemal leid und will endlich wieder Ruhe in ihrem Leben – und vor allem im Leben ihrer Zwillinge, die unter den dauernden Streitereien genauso leiden wie ihre Mutter. Mit viel Glück und Unterstützung einer Freundin gelingt der Heppenheimerin der Sprung von der Selbstständigkeit in eine feste Anstellung, die ihr und ihren Kindern eine sichere Basis für in der neuen Lebenssituation verschafft.
Peters Story: Mit Anfang 40 erlebt Peter den schlimmsten Verlust seines Lebens. Nach drei Jahren Hoffen und Bangen verliert seine Frau endgültig den Kampf gegen den Krebs. Die Kinder sind gerade mal 7 und 9, das Haus in einem grünen Viertel von Kassel, das man für die gemeinsame Zukunft gebaut hatte, ist noch lange nicht abbezahlt. Um nicht auch noch das Zuhause zu verlieren, muss Peter weiterhin voll arbeiten. Damit seine Kinder trotzdem die Fürsorge bekommen, die sie nach dem Tod ihrer Mutter dringend brauchen, kümmert sich eine Tagesmutter nach der Schule um die beiden.
Hannahs Story: Hannah weiß genau, was sie will. Den Ausbildungsplatz als Friseurin hat sie schon in der Tasche, danach will sie noch eine Reihe von Kursen draufpacken und als Stylistin Karriere in der Modebranche machen. Doch dann kommt alles ganz anders: Partylaune, Kondom vergessen, schwanger! Ihr Freund findet, dass er zu jung ist, um Vater zu werden, und macht sich aus dem Staub. Trotzdem kommt ein Schwangerschaftsabbruch für Hannah nicht in Frage. Nach der Geburt ihrer kleinen Tochter lebt sie weiterhin bei ihrer Mutter in einem kleinen Ort bei Limburg. Die kann sie allerdings bei der Babypflege nur wenig unterstützen, weil sie wegen ihres Jobs die meiste Zeit des Tages außer Haus ist.
Marathon ohne Zielgerade
So verschieden die Lebensumstände dieser (rein exemplarisch ausgewählten) Protagonisten auch sind, einen gemeinsamen Nenner gibt es für alle: Als Alleinerziehende haben sie es ungleich schwerer, ihr Leben zu meistern, als Mütter und Väter, die in einer intakten Beziehung leben. Sie können nicht die Stunden zählen, bis der Partner von der Arbeit nach Hause kommt und ihnen das quengelnde Baby abnimmt, damit sie endlich einmal durchatmen können. Sie haben niemanden, der das Abendbrot vorbereitet und die Rasselbande im Zaum hält, während man in Ruhe eine Runde Joggen geht. Und sie sind selbst dafür verantwortlich, dass die Miete pünktlich überwiesen und der Kühlschrank auch am Monatsende noch gefüllt ist.
Single-Eltern sind rund um die Uhr im Einsatz, an 365 Tagen im Jahr. Da das Modell Großfamilie schon länger aus der Mode gekommen ist, müssen sie die vielen Anforderungen, die Kind, Beruf und Alltag stellen, alleine stemmen oder doch zumindest alleine organisieren. Schon im Normalbetrieb ist das eine Aufgabe, die sich alles andere als leicht gestaltet. Wenn dann noch Störfälle wie ein Magen-Darm-Infekt, eine kaputte Waschmaschine oder unplanmäßige Überstunden auftreten, kommen auch robuste Naturen an ihre psychischen und physischen Grenzen. Zukunftsangst, Versagensangst und geringes Selbstwertgefühl sind nur einige der Symptome, unter denen viele der dauergestressten Alleinerziehenden leiden. Die ständige Überlastung, die oft mit finanziellen Problemen einhergeht, führt im Extremfall zum gefürchteten Burnout, das nicht nur Berufstätige treffen kann.
Helfende Hände vor Ort und im Netz
Damit es so weit gar nicht erst kommt, sollten sich Alleinerziehende nicht scheuen, jede Hilfe anzunehmen, die ihnen geboten wird. Neben der klassischen finanziellen Unterstützung – vom Kindergeld über Mehrbedarfs- und Kinderzuschläge bis hin zu steuerlichen Vergünstigungen – bieten Bund und Länder eine Reihe von Maßnahmen, die Single-Eltern privat und beruflich den Rücken stärken sollen.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Entlastung und Unabhängigkeit ist die Kita-Offensive, auf die sich Bund, Länder und Gemeinden geeinigt haben und die bis 2013 deutschlandweit rund 300.000 neue Krippenplätze schaffen soll. Mit einem festen Betreuungsplatz ist die wichtigste Grundvoraussetzung für den Wiedereinstieg in eine geregelte Berufstätigkeit geschaffen. Damit die sich nicht zwangsläufig als schlecht bezahlter Aushilfsjob gestaltet, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gemeinsam mit dem Europäischen Sozialfonds im April 2009 den Ideenwettbewerb „Gute Arbeit für Alleinerziehende“ gestartet. Über 300 Projektträger haben bislang Modellkonzepte eingereicht, die für flexiblere Arbeitszeiten und bessere Bezahlung für berufstätige Single-Eltern sorgen sollen. Für konkrete Informationen und praktische Hilfe stehen die örtlichen Jugendämter (für Betreuungsangebote) und Arbeitsagenturen (für Wiedereingliederungsprogramme oder Ausbildungsförderung) zur Verfügung.
Wer pädagogischen oder psychologischen Beistand sucht, sollte eine der zahlreichen gemeinnützigen Institutionen und Organisationen kontaktieren, die zu allen Fragen rund um das Thema Familie beraten. Dazu zählen neben karitativen Einrichtungen und Familienbildungsstätten auch unabhängige Einrichtungen wie pro familia oder die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Sie bieten individuelle Beratungsgespräche, Gesprächskreise und Kurse zu inhaltlichen Schwerpunkten wie Erziehung oder Gesundheit.
Wer nicht auf einen Termin warten kann oder will, findet im Internet eine ganze Reihe von Online-Portalen, die unabhängig von Öffnungszeiten und Sprechstunden schnellen Rat und wertvolle Kontakte liefern. Besonders praxisnah sind Interessenvertretungen wie der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, deren Informations-Pool von Mitarbeitern gefüllt wird, die Sorgen und Nöte von Single-Eltern aus eigener Erfahrung kennen. Und nicht zuletzt bietet das Internet zahlreiche Chats und Foren, in denen man immer ein offenes Ohr und einen guten Rat von Menschen findet, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind und manchmal verblüffend einfache Lösungen parat haben.
Prinzip „Flurfunk“
Wenn man zwischen Wickeltisch, Arbeitsamt und Sonderangeboten hin und her hetzt, bleibt verständlicherweise wenig Zeit, sich um soziale Kontakte zu kümmern. Dennoch sollte man sich immer wieder bewusst machen, wie wichtig der Austausch mit Freunden, Nachbarn und Bekannten ist. Wie sonst sollte man erfahren, dass die ältere Dame von nebenan gerne bereit ist, als Babysitter einzuspringen, oder eine Mutter aus dem Kindergarten einen Übernachtungszirkel plant, bei dem die Kids reihum bei Freunden übernachten und so ihren Eltern einen freien Abend ermöglichen? Bekanntlich macht Not erfinderisch, und so ist die Palette von Ideen, wie man sich und seinen Kindern mehr „Qualitätszeit“ verschaffen kann, gerade bei Alleinerziehenden besonders groß. Die Pinnwände von Kitas und Supermärkten sind eine Informationsplattform, die gerade für kreative und unbürokratische Suche- und Biete-Optionen bestens funktioniert. Und wer weiß – vielleicht entwickelt sich ja beim spontanen Gespräch mit einem Leidensgenossen eine neue Variante, die nicht nur die Nerven, sondern auch den Geldbeutel schont.
Armutsrisiko „Alleinerziehend“
Ende 2009 kam eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu folgenden Ergebnissen:
• 43 % der Alleinerziehenden bekommen Hartz IV.
• Insgesamt leben 660.000 Alleinerziehende von der Fürsorge.
• Auf dem Arbeitsmarkt werden viele Alleinerziehende in den Minijob- und Niedriglohnbereich abgedrängt.
• Jedem zweiten Alleinerziehenden stehen monatlich weniger als 1.300 € netto aus Erwerbstätigkeit zur Verfügung.
• Besonders von Armut betroffen sind Frauen, die mit über 90 % den größten Anteil der Alleinerziehenden stellen.
