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Familie spaziert durch den Wald

FamilienMagazin

09.
Juni
2011

Auf eigenen Füßen stehen

09. Juni 2011

Seit letztem Jahr mache ich eine Ausbildung als Industriekauffrau bei einem Textilunternehmen in Unterfranken. Meine Mutter war erst total dagegen, dass ich nach der zehnten von der Schule gehe. Sie findet Abi superwichtig, weil einem danach alle Wege offen stehen. Aber irgendwann hat sie dann eingesehen, dass Gymnasium einfach nicht mein Ding ist – zuviel Theorie und null Bezug zum richtigen Leben. Seit der fünften habe ich mich rumgequält und die Versetzung trotz Nachhilfestunden ohne Ende immer nur mit Ach und Krach geschafft.

Irgendwann hatte dann mein Vater die Idee, dass ich bei einem seiner Freunde in die Lehre gehen könnte. Der hat nämlich in der Nähe von Aschaffenburg ein Modelabel mit total edlen Hemden und Blusen. Und als der dann einverstanden war, mir eine Chance zu geben, obwohl meine Noten nicht die allerbesten waren, haben wir dann gemeinsam meine Mum beackert. Als ich ihr noch erzählt habe, dass ich anschließend ja noch ein FH-Studium dranhängen kann, hat sie sich schließlich breitschlagen lassen. Ihre einzige Bedingung war, dass ich noch mal richtig büffeln soll, damit ich die Mittlere Reife mit ordentlichen Noten bestehe.

Weil die Fahrerei jeden Tag einfach lange dauern würde, bin ich dann zu Beginn meiner Ausbildung erst mal zu Bekannten gezogen, die nicht weit von der Firma wohnen. Damit konnte sich meine Mutter halbwegs anfreunden, aber begeistert war sie natürlich nicht, dass ich von zu Hause ausziehe. Ich fand das erst auch ziemlich komisch, dass ich sie nicht jeden Tag sehe. Aber wir haben dann jeden Tag ganz lang telefoniert und SMS geschickt und am Wochenende bin ich natürlich immer nach Hause gefahren. Jetzt findet sie es richtig cool, dass ich so selbstständig geworden bin.

Die Ausbildung läuft super, weil ich nicht nur dasitzen und auswendig lernen muss, sondern von Anfang an richtig mitarbeiten kann. Damit ich weiß, wie alles läuft, komme ich alle paar Wochen in eine andere Abteilung. Es macht total viel Spaß zu sehen, wie so eine neue Kollektion entsteht und wie die Werbung dazu geplant wird und wie die Sachen dann in den Verkauf kommen. Und das mit dem Studium kann ich mir mittlerweile auch richtig gut vorstellen – dann habe ich schließlich schon richtig Ahnung, worauf es im Beruf wirklich ankommt.

In ein paar Wochen ziehe ich in eine eigene kleine Wohnung. Es war gar nicht so schwer, meine Mutter zu überreden, dass sie ja sagt. Schließlich hat sie mitbekommen, dass ich kein dummer Teenie mehr bin, sondern schon auf eigenen Füßen stehen kann.

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