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Familie spaziert durch den Wald

FamilienMagazin

11.
Oktober
2013

Halbe Mutter

11. Oktober 2013

Einblicke in das Leben von Marlene B., deren Mann zwei Kinder hat

Mein Lebensgefährte hat zwei Kinder, die regelmäßig jedes zweite Wochenende und fast die Hälfte ihrer Ferien mit uns verbringen. Es war von Anfang an unser Wunsch, dass wir gemeinsam für seine damals fünfjährige Tochter und seinen siebenjährigen Sohn da sein wollen. Das bedeutet, dass wir unsere persönlichen und Paar-Planungen zurückstellen, um geplant oder auch ungeplant, jeder alleine oder zu zweit, mit den Kindern Zeit zu verbringen.

Ich wünschte mir das nicht, um einen unerfüllten eigenen Kinderwunsch auszuleben, sondern aufgrund von Erfahrungen aus einer früheren Patchwork-Beziehung. Seither sehe ich es als gesellschaftliche Verpflichtung an, für die Kinder des Partners da zu sein, auch wenn die Anerkennung für die Zeit und Kraft, die von uns „Stiefeltern“ investiert wird, immer noch gering und finanziell gar nicht vorhanden ist.

Mittlerweile kenne ich das Mädchen die Hälfte seines Lebens – sie ist gerade zehn Jahre alt geworden - und habe auch mit dem zwölfjährigen Jungen ein gutes Verhältnis. Beide halten sich gern in meiner Nähe auf, das Mädchen hat mir dieses Jahr zum Geburtstag einen selbst gezüchteten Bambus geschenkt, weil sie wusste, dass ich Bambus mag.

Alles in bester Patchworkfamilienordnung? Ich erlebe die Kinder ausgelassen und zugewandt. Selten gibt es Auseinandersetzungen, sie werden dann sowohl von meinem Lebensgefährten als auch von mir ausgetragen. So werden die Kinder natürlich auch von mir geprägt. Das Mädchen gratulierte mir zum Muttertag, ich sei ja auch eine halbe Mutter.

Insofern: ja, (hoffentlich) alles in bester Patchworkfamilienordnung für die Kinder. Für uns Erwachsene nicht ganz.

Ich hoffe, dass die Kinder die schwelenden Unstimmigkeiten im Hintergrund nicht zu sehr mitbekommen, wir bemühen uns darum. Ein wiederkehrendes Problem ist, dass mein Lebensgefährte von der Mutter der Kinder nicht als gleichberechtigter Sorgeberechtiger behandelt wird. Das andere Problem betrifft das Verhalten der Mutter mir gegenüber.

Weil die Kinder die Bedeutung von Schimpfworten nachfragten, bekamen wir mit, dass sie mich in ihrer Anwesenheit beschimpfte. Mittlerweile negiert sie mich völlig. Beides hat mich immer wieder belastet. Ich stutze zwar noch immer unwillkürlich, wenn auf Postkarten, die die Kinder aus dem Urlaub mit ihrer Mutter an den Vater schreiben, mein Name fehlt, aber es trifft mich nicht mehr so persönlich.

Ich hoffe vor allem, dass die Situation für die Kinder nicht zu anstrengend ist. Angeblich sollen Scheidungskinder ja ganz gut die Lebenswelten trennen können. Das will ich aber nicht ausreizen: als sie mich ein Mal beim Zurückbringen zu ihrer Mutter auf der Straße spontan umarmten, schauten sie dann schnell auf den Balkon, ob ihre Mutter dort steht. Ich versuche Situationen zu vermeiden, die sie in mögliche Loyalitätskonflikte bringen könnten, und tauche beispielsweise bei schulischen Veranstaltungen nicht auf.

Was alles auf mich zukommen würde, konnte ich damals nicht voraussehen. Es ist immer noch ein Wechselbad der Gefühle, Freude, Resignation, Gelassenheit und Belastung – ich arbeite an mir, dass Freude und Gelassenheit die grundlegenden Konstanten werden. Wenn das Gefühl, nichts dagegen tun zu können, zu dominant wird, denke ich daran, der Mutter ein Kennenlernen vorzuschlagen oder ihr zu schreiben, um ihr eventuelle und nachvollziehbare Sorgen zu nehmen, z.B. dass ich ihr die Kinder nicht wegnehmen will. Diejenigen, die sie kennen, raten mir davon ab.

Da frage ich mich manchmal, warum es eine Beratungspflicht bei Abtreibungen gibt, aber keine für sich trennende Eltern. Der Beistand in der Trennungssituation könnte die Ex-Partner dazu bringen, respektvoll miteinander umzugehen und die neuen Lebensrealitäten zu akzeptieren. Davon würden alle profitieren – vor allem die Kinder, deren Wohl ja, wie immer wieder betont wird, im Mittelpunkt stehen sollte.

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