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Familie mit Kindern auf der Couch

FamilienMagazin

16.
Oktober
2015

Pflegeeltern gesucht!

16. Oktober 2015

Ich hab zwei Mütter, sagt Jule immer. Eine, bei der sie bis zu ihrem vierten Lebensjahr gelebt hat. Und eine, die sie so richtig gerne hat. Das ist ihre Pflegemutter Heide. Zusammen mit ihrem Mann Edgar zieht Heide die zehnjährige Jule auf. So wie ihre eigenen zwei Kinder. Bei Jule sind aus den anfangs geplanten zwei, drei Monaten nun schon sechs Jahre geworden. Heide und Edgar sind froh darüber. Früher, vor Jule, hatten sie oft Pflegekinder, die nur wenige Wochen bei ihnen waren. Zum Beispiel weil die Eltern des Kindes ins Krankenhaus mussten oder um die Zeit zu überbrücken, bis ein dauerhafter Unterbringungsplatz gefunden war. Jule kann sich nicht vorstellen, woanders zu leben als bei Heide und Edgar. Ihr seid meine richtige Familie, sagt Jule manchmal zu ihnen, und dann sind beide ein klein wenig stolz auf sich.

In diesem Falle ist die Entwicklung und Sozialisation in der Ursprungsfamilie gefährdet oder gescheitert. Eine Ursache kann die Erziehungsunfähigkeit der Eltern sein, es können bei den Kindern traumatische Erfahrungen vorliegen, zum Beispiel aufgruIn Hessen wachsen viele Tausend Kinder wie Jule in der Obhut von Pflegeeltern auf. Unterschieden werden muss zwischen einer vorübergehenden Unterbringung, weil es in der Ursprungsfamilie des Kindes eine aktuelle Krise gibt, und einer Unterbringung auf Dauer, bei der die Pflegefamilie praktisch zur Ersatzfamilie des Kindes wird. In diesem Falle ist die Entwicklung und Sozialisation in der Ursprungsfamilie gefährdet oder gescheitert. Eine Ursache kann die Erziehungsunfähigkeit der Eltern sein, es können bei den Kindern traumatische Erfahrungen vorliegen, zum Beispiel aufgrund von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch.

Ein Blick in die Zahlen

Im Jahr 2014 lebten nach Angaben des Statistischen Landesamtes 3.994 Kinder und Jugendliche in Hessen in Pflegefamilien und 6.066 junge Menschen in Einrichtungen und sonstigen betreuten Wohnformen der Jugendhilfe. Weitere 1.510 Kinder und Jugendliche waren aufgrund einer seelischen Behinderung in einer Einrichtung untergebracht. Im gleichen Jahr wurden rund 3.950 Jungen und Mädchen von hessischen Jugendämtern in Obhut genommen. Bei rund 1.400 dieser Kinder und Jugendlichen handelte es sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Fast 80 Prozent dieser Jungen und Mädchen kamen in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe oder einen sonstigen betreuten Wohnform (z.B. auch Familienwohnformen) unter,  für ca. 20 Prozent fanden sich Pflegefamilien.

Viele Jugendämter sehen angesichts der erheblich gestiegenen Zahl an Kindern und Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der eigenen Familie leben können, einen wachsenden Bedarf an Pflegefamilien. Dem steht jedoch häufig keine ausreichende Anzahl an Interessenten gegenüber. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So sind die meisten Pflegekinder mittlerweile unter fünf Jahre alt. Das heißt, sie bleiben sehr lange in einer Pflegefamilie und es dauert dementsprechend, bis die Familie wieder ein neues Kind aufnehmen kann. Viele langjährige Pflegeeltern ziehen sich überdies aufgrund ihres Alters zurück. In anderen Fällen fehlt es an ausreichendem Wohnraum. Im Bereich der Jugendhilfeeinrichtungen ist zugleich die Zahl der sogenannten familienähnlicher Wohnformen gestiegen. Derzeit werben manche Jugendämter gezielt um Pflegefamilien zur Aufnahme junger Flüchtlinge.

Checkliste für alle, die Pflegefamilie werden möchten

Die Anforderungen an Pflegefamilien sind hoch. Grundsätzlich befindet das zuständige Jugendamt über die Eignung. Familien, Paare, aber auch Einzelpersonen können Pflegefamilie werden.

Zu den Voraussetzungen zählen unter anderem:

  • Ausreichender Wohnraum muss vorhanden sein (idealerweise ein eigenes Zimmer) 
  • Die Familie sollte in geregelten wirtschaftlichen Verhältnissen leben
  • Ein Elternteil sollte nicht oder nur teilweise berufstätig sein
  • Eine natürliche Altersdifferenz zwischen Kind und Pflegeeltern sollte bestehen
  • Bei Kindern mit besonderem Förderbedarf sind entsprechende pädagogische Kenntnisse mindestens eines Elternteils erwünscht

Wer interessiert daran ist, ein Pflegekind aufzunehmen, sollte sich an das Jugendamt wenden. Auch Organisationen wie Vitos Kalmenhof oder die Stiftung zum Wohl des Pflegekindes sind geeignete Ansprechpartner und beraten gerne.

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