Wie alles anfing: Mein erster Tag als Teilzeitvater

Sonntag (vor vier Jahren)
Morgen ist es soweit. Nach langem Planen, Abwägen, Organisieren und Verhandeln beginnt morgen meine Zeit als Teilzeitpapa. Nach einjähriger Elternzeit kehrt meine Frau wieder ins Berufsleben zurück. Jetzt gibt es auch für mich kein Zurück mehr.

Es ist Sonntagnachmittag und die Nervosität steigt langsam in mir hoch. Ab Morgen bin ich ganz alleine auf mich gestellt. Ich habe bei der Kinderbetreuung bisher zwar auch vieles alleine gemeistert, aber immer im Hinterkopf, jederzeit meine Frau um Hilfe bitten zu können. Das geht nun nicht mehr. Im Geiste gehe ich durchs Kinderzimmer: Die Windeln sind in der oberen Schublade, die Bodies links unten im Schrank, Pullover, Hosen im obersten Schrankfach. Das Milchpulver, Gläschen, Fläschchen, Sauger, Schnuller – alles am Platz. Bloß nichts vergessen.

Sonntagabend, die Spannung ist kaum noch auszuhalten. Ich gehe mit meiner Frau durch die Küche und spreche alles noch mal mit ihr durch. Ihr einjähriger Routinevorsprung ist hierbei deutlich zu spüren. Eine gewisse Ironie ihrerseits ebenfalls. Als ich in der Nacht aufwache, bin ich sofort wieder bei meiner geistigen Checkliste.

Montagmorgen
Um 7:00 Uhr verlässt meine Frau das Haus. Johanna schläft noch, ich sitze startbereit auf der Bettkante. Nach wenigen Minuten erkenne ich die Sinnlosigkeit meines Handelns und lege mich wieder hin. Jederzeit bereit, beim ersten Piepton von Johanna aufzuspringen, liege ich mehr, besser gesagt eher weniger entspannt im Bett.

Schon mache ich mir Sorgen, ob mit Johanna alles in Ordnung ist. Endlich - das Kind gibt einen Laut von sich, ich springe auf und eile zu ihr. Etwas verwundert schaut mich Johanna an, sie hat wahrscheinlich ihre Mama erwartet, nun steht aber Papa vor ihr. Ich erkläre ihr, dass sie diese Woche von mir umsorgt wird. Das findet sie anscheinend in Ordnung, denn nun lacht sie mich an. Es gibt die übliche Flasche Milch, die Johanna genüsslich abzischt.

Da es heute ziemlich kalt ist und ich mit dem Fahrrad in die Stadt zum Spielkreis fahren will, muss ich Johanna ziemlich warm anziehen. Johanna und ich kämpfen also gemeinsam mit Strumpfhosen, Söckchen, T-Shirts und Pullover, bis ich es endlich geschafft habe, das Kind den Witterungsverhältnissen angepasst anzuziehen. Da wir diese Prozedur unter einer Wärmelampe durchgeführt haben, bin ich nun schweißgebadet und muss mich umziehen.

Seit Johanna auf der Welt ist, gibt es für mich eine neue Art von Höchststrafe: Das Umziehen von Kleinkindern unter einer Wärmelampe – ich hasse es! Erstkontakt mit dieser leidvollen Erfahrung hatte ich im Krankenhaus, als ich Johanna zum ersten Mal nach der Geburt baden durfte. Ich werde nie die Blicke der Kinderschwestern vergessen, als ich unter der Wärmelampe gelitten habe. Selbst bei einem 10 Km Lauf verliere ich nicht soviel Flüssigkeit.

Nun gut. Ich bin also umgezogen und will los. Die für den Spielkreis erforderliche „Ausrüstung“ wie Milchflasche, Wickeltasche usw. habe ich schon am Vortag gepackt und bereitgelegt. Auf meinen persönlichen Wunsch hin hat meine Frau alles überprüft und mir das „Alles in Ordnung und vollständig – Zertifikat“ ausgestellt. Nun könnte es also direkt losgehen, könnte, denn kaum auf der Treppe, stelle ich fest, dass Johanna die Windel voll hat. Mir bleibt also nichts erspart. Ich mache auf dem Absatz kehrt und schleppe Kind und Gepäck zurück zum Wickeltisch. Nein, bloß nicht wieder die Wärmelampe, beschließe ich, ein bisschen Abhärtung kann auch dem Kleinkind nicht schaden. Gedacht, getan, wird nun kalt gewickelt, was mir ein zweites Mal Umziehen erspart. Zehn Minuten später sind wir dann wieder im Treppenhaus, mein Zeitplan ist jedoch hinüber und wir werden zu spät zum Spielkreis kommen. Ich hole mein Fahrrad aus dem Keller, eine Schlepperei mit einem Kleinkind auf dem Arm und Versorgungspaket auf dem Rücken. Es gelingt und ich setze Johanna in den Kindersitz. Auch dieses hatte ich Tags zuvor geprobt, so dass es heute Morgen deutlich routinierter abläuft. Vorbereitung ist alles! Johanna freut sich aufs Fahrradfahren. Wir düsen los und sind nach fünfzehn Minuten in der Stadt, leider jedoch fünf Minuten später als geplant. Und ich wollte mir doch keine Blöße geben, gegenüber all den „Profimüttern“.

Nun denn, Nobody is perfect sage ich mir und ich betrete möglichst entspannt den Spielkreis. Sofort sind alle Augen auf mich gerichtet, und acht mehr oder weniger ironisch grinsende Damen begrüßen mich. Ich gebe mich maximal entspannt und grüße grinsend zurück. Johanna wird ausgezogen, und wir setzen uns zur Gruppe. Mit zuliebe wird noch mal das Begrüßungslied gesungen. Ich singe fragmentarisch mit, da ich den Text noch nicht kenne. Es gibt noch viel zu lernen. Die folgende Stunde verbringe ich in angenehmer Atmosphäre mit vielen schönen Gesprächen rund ums Kind und zu meiner Person. Ich werde freundlich aufgenommen, obwohl ich eigentlich ein fremdes Wesen in dieser Welt bin.

Nach dem Spielkreis geselle ich mich unauffällig zur Gruppe der Kaffeetrinkerinnen - meine Frau hatte mich informiert wie das so läuft – so dass ich auch eingeladen werde. Wir gehen in die nächste Kneipe zu einem zweiten Frühstück. Gegen 14:00 Uhr bin ich dann glücklich und zufrieden zuhause. So kann es weitergehen. Den Nachmittag verbringe ich spielend mit Johanna. Abends kommt meine Frau, der ich stolz und zufrieden von meinem ersten Papatag erzähle.

Wir ihr bereits gelesen habt, bin ich mittlerweile viel routinierter und erfahrener im Umgang mit Kleinkindern geworden, aber dieser Tag war damals ziemlich aufregend für mich. Ich werde ihn nie vergessen. Auch gehört heute wesentlich mehr Liedgut zu meinem Repertoire als noch vor 4 Jahren.

Inhalt erstellt am 15.01.2007  -  Zuletzt aktualisiert am 15.01.2007

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