Online Freunde treffen, Klatsch austauschen, Fotos hochladen, chatten und schnell mitteilen, was die letzte Party oder welche Errungenschaften der zurückliegende Einkaufsbummel mit sich gebracht hat – dies kann man in den sogenannten sozialen Netzwerken wie Facebook, Google Plus oder MySpace. In Deutschland hat die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer in den letzten Jahren rasant zugenommen; bereits ein Viertel der Bevölkerung ist beim Marktführer Facebook aktiv. Darunter befinden sich auch immer mehr Kinder und Jugendliche. Das Einstiegsalter liegt mittlerweile bei 10-12 Jahren. Nach einer aktuellen Studie des IT-Branchenverbandes BITKOM ist fast jedes zweite Kind in dieser Altersgruppe bei mindestens einer Community angemeldet - eine Entwicklung, auf die viele Eltern besorgt und mit Verboten reagieren.
„Schau hin“, das Ratgeberportal des Bundesfamilienministeriums zur Nutzung elektronischer Medien, bestärkt sie in dieser Haltung. Die Website weist darauf hin, dass die jungen Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken mit nicht kindgerechten Inhalten konfrontiert werden können. Daher seien „Netzwerke wie beispielsweise Facebook, FreundeVZ, Jappy oder Wer-kennt-wen für Kinder nicht geeignet.“
In der Praxis ist es jedoch schwer nicht mit zu machen: Wer nicht von der Kommunikation innerhalb der Schulklasse oder des Sportvereins ausgeschlossen werden möchte, benötigt einen Account in einem der großen Netzwerke – ansonsten kann es passieren, dass man von Verabredungen und Terminabsprachen nichts mitbekommt.
In der digitalen Welt zuhause
Peter Holnick, Geschäftsführer des hessischen Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation, hält nicht viel davon, ein pauschales Nutzungsverbot auszusprechen. Seine Einrichtung versucht mit einem vielfältigen Bildungsangebot Kindern, Jugendlichen, Eltern sowie Erzieherinnen und Erziehern die nötige Kompetenz für einen unproblematischen Umgang mit den neuen Medien zu vermitteln. Dabei sind die Kinder in der Regel schon viel weiter als ihre Mütter und Väter, weiß Holnick im Gespräch mit dem FamilienAtlas zu berichten: „Kinder erklären ihren Eltern die digitale Welt, mit der sie aufgewachsen sind.“ Dieses Wissen qualifiziert sie auch, so Holnick, für den Umgang mit Facebook & Co. Es fehlt ihnen lediglich die Erfahrung, welche Fehler bei der Nutzung vermieden werden sollten. Dafür müssten Eltern und Kinder sensibilisiert werden.
Einen ähnlichen Ansatz hat auch das Programm "Medienkompetenz" des hessischen Netzwerks gegen Gewalt, einer Präventionsinitiative der hessischen Landesregierung. Das Online-Angebot medienkompetenz-hessen.de sowie speziell ausgebildete Internet-Medien-Coaches sollen Eltern, Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte an Chancen und Gefahren der neuen Medien heranführen.
Probleme bei Datenschutz und Cyber-Mobbing
Zwei Probleme sind es vor allem, die die sozialen Netzwerke mit sich bringen: eine möglicherweise ungeschützte Privatsphäre, die zur ungewollten Preisgabe persönlicher Informationen führt, und das sogenannte Cyber-Mobbing. Tatsächlich ist der Datenschutz in den Online-Communities oft noch mangelhaft. Um zu verhindern, dass der Betreiber und andere Nutzer unbegrenzt auf die persönlichen Daten zugreifen können, muss der Nutzer selbst aktiv werden und die individuellen Sperrmöglichkeiten seines Accounts aktivieren. Dazu gibt es detaillierte Anleitungen z.B. bei netzcheckers.de oder watchyourweb.de. Wie eine Medienstudie der Universität Leipzig ermittelt hat, werden diese Möglichkeiten bislang nur von der Hälfte der jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer in Anspruch genommen.
Hinter dem Begriff Cyber-Mobbing stehen verschiedene Formen psychischer Gewalt - Beleidigungen, Bedrohungen und Diffamierungen, aber auch sexuelle Belästigung. Nach den Erkenntnissen der Leipziger Studie sind im Jahr 2010 ein Viertel aller Mädchen und ein Fünftel aller Jungen Opfer von Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken geworden.
Diese Verhaltensweisen sind keine Erfindung der Netzwerke. Sie haben allerdings durch die technischen Möglichkeiten eine neue Qualität bekommen. Wenn herabsetzende Äußerungen ohne persönliche Begegnung mit der betroffenen Person anonym getätigt und auch noch durch heimlich aufgenommene Fotos oder Videos ergänzt werden, kann aus einer Schülerschikane schnell eine massive Mobbingattacke werden, gegen die sich das Opfer nur noch schwer zur Wehr setzen kann.
Kriminalhauptkommissar Stefan Middendorf vom LKA Baden-Württemberg rät Eltern, in solchen Fällen sofort einzugreifen und das Gespräch zu suchen: „Auch die Schule sollte eingebunden werden. In den allermeisten Fällen kommen die Täter aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, z.B. der eigenen Klasse, der Schule oder zum Beispiel dem Sportverein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Schulen bei der Aufklärung von Mobbingfällen sehr engagiert und bedacht sind, dass solche Vorfälle aufgeklärt werden und nicht wieder passieren.“ (Quelle: http://schau-hin.info/). Im Falle von Straftaten sollte auch die Polizei eingeschaltet werden.
Emanzipation von Eltern und Lehrern
Bei aller berechtigter Kritik sollte nicht vergessen werden, dass die Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk für die Kinder und Jugendlichen vor allem eins bedeutet: Sich selbst mit seinen Vorlieben und Abneigungen zu präsentieren, Infos mit Gleichaltrigen auszutauschen, ungestört mit Freunden zu plaudern und neue Leute kennenzulernen. Diese Aktivitäten sollten – bei entsprechender Medienkompetenz - den Erziehungsberechtigten keine Angst einjagen, dienen sie doch nicht zuletzt auch der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und der notwendigen Emanzipation von den Eltern und Lehrern.
