Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch erlangen Jugendliche an ihrem 18. Geburtstag die Volljährigkeit und gelten somit offiziell als geschäftsfähig. Sie können von diesem Tag an Kredite abschließen, Immobilien kaufen, Firmen gründen oder einen eigenen Hausstand führen, ohne dass sie dafür die Zustimmung ihrer Eltern einholen müssen.
Dass die jungen Erwachsenen diese neue Freiheit in der Praxis oft nur zögerlich in Anspruch nehmen, zeigt sich darin, dass viele lieber in ihrem Elternhaus wohnen bleiben. Dabei ist gerade der Umzug in eine eigene Wohnung ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Psychologen sehen in der damit verbundenen „Abnabelung“ von den Eltern einen notwendigen Schritt, um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Abschied als Neuanfang
Wie schwer oder leicht der Abschied aus dem gewachsenen Familiengefüge fällt, hängt in erster Linie vom Selbstverständnis der einzelnen Familienmitglieder ab. Manche Kinder werden schon früh zur Selbstständigkeit erzogen und finden entsprechend schnell ihr eigenes Lebensmodell außerhalb des Elternhauses. Andere pendeln eine Weile zwischen der ersten eigenen Bleibe und ihrem elterlichen Zuhause, bis sie in der Erwachsenenwelt endgültig Fuß fassen. Nicht wenige junge Menschen fühlen sich mit ihrem Status im Elternhaus so wohl, dass sie keine Veranlassung sehen, ihrer Situation zu verändern.
Generation Nesthocker
Dass junge Frauen und Männer sich immer später für ein selbstständiges Leben außerhalb des Elternhauses entscheiden, ist ein Trend, der sich auch in Deutschland immer deutlicher abzeichnet. Während es in den 1970er Jahren noch üblich war, so schnell wie möglich das Elternhaus zu verlassen, suchen sich viele der frisch gebackenen Erwachsenen heute erst eine eigene Wohnung, wenn sie eine Familie gründen oder zumindest in einer festen Beziehung leben.
Nach dem 3. Familien-Survey, der vom Deutschen Jugendinstitut Ende der 1990er Jahre durchgeführt wurde, wohnten mehr als zwei Drittel der 18- bis 25-Jährigen noch zu Hause. 2009 ermittelte das Statistische Bundesamt, dass die Zahl der jugendlichen Daheimwohner in den vergangenen 40 Jahren von 20 auf 29 Prozent gestiegen war. Heute geht man davon aus, dass sich das durchschnittliche Auszugsalter, das 1970 noch bei 20 Jahren lag, bei der Hälfte aller jungen Erwachsenen um fast zehn Jahre nach hinten verschoben hat, wobei Frauen den Weg in die Unabhängigkeit im Schnitt zwei Jahre früher finden als Männer.
Familienleben im Zeichen der Zeit
Die Gründe für die ungewöhnlich hohe Anhänglichkeit der Kinder wird im gesellschaftlichen Wandel vermutet. Zum einen hat sich das familiäre Rollenverständnis in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Die Reibungspunkte zwischen den Generationen werden immer geringer, da sich das Erziehungsideal von einem autoritären zu einem partnerschaftlichen Verhältnis entwickelt hat. Der Kampf um Autonomie, der früher zum Erwachsenwerden gehörte, findet immer seltener statt. Stattdessen genießen vor allem viele der jungen Männer die Vorzüge im sogenannten „Hotel Mama“: Der Kühlschrank ist immer gefüllt, Wäsche und Zimmer werden gepflegt und statt Miete muss höchstens ein Kostgeld gezahlt werden.
Zum anderen kann der späte Auszug aus dem Elternhaus auch ganz pragmatische Gründe haben. Da immer mehr junge Frauen und Männer Abitur machen und anschließend studieren, haben sich die Ausbildungszeiten im Vergleich zu früher stark verlängert. Viele starten darum erst mit Ende 20 ins Berufsleben, bis dahin fehlen dann oft die finanziellen Mittel für eine eigene Wohnung. Ähnlich ist die Situation für Auszubildende.
Andere Länder, ähnliche Sitten
Um einiges ausgeprägter als in Deutschland ist das Nesthocker-Syndrom in anderen Teilen Europas. Besonders lange bleiben italienische Männer bei ihren Familien: Rund 95 Prozent von ihnen ziehen frühestens mit 25 aus, 70 Prozent von ihnen bleiben sogar noch mit weit über 30 im elterlichen Heim – ein Phänomen, das auch unter dem Namen „Mammismo“ bekannt ist. Weitere Hochburgen der europäischen Nesthocker sind Spanien, Luxemburg, die Slowakei, Slowenien und Malta, wo nur ein verschwindend geringer Teil der Jugendlichen unter 25 eine eigene Wohnung hat.
Auch in den USA ist das Problem des späten Auszugs angekommen. Resolute Eltern, die ihren Nachwuchs zum Auszug bewegen wollen, haben dort mittlerweile eine neue Variante des „Downsizing“ geprägt: Die Eltern ziehen in eine kleinere Wohnung, in der für die erwachsenen Kinder zu wenig Platz ist.
Das Auszugsverhalten ist oft an die Finanzierbarkeit einer eigenen Wohnung gekoppelt. Während junge Menschen hierzulande mit Kindergeld, Bafög und anderen staatlichen Zuschüssen unterstützt werden, sieht es im Ausland meist anders aus: Dort liegt der Unterhalt von Jugendlichen, die über kein eigenes Einkommen verfügen, ausschließlich in der Verantwortung der Eltern.
Kleiner denken, schneller ausziehen
Ein geringes Budget muss kein Grund sein, auf die eigenen vier Wände zu verzichten. Zwar sind Single-Wohnungen auf dem Immobilienmarkt nicht die Regel, doch es gibt eine ganze Reihe praktikabler Alternativen: Studenten- oder Azubi-Wohnheime, Zimmer zur Untermiete über eine Mitwohnzentrale und nicht zuletzt eine Wohngemeinschaft (WG), in der man Erfahrungen für das Zusammenleben mit Bekannten und Freunden sammeln kann. Vielleicht entdeckt der eine oder die andere dort sogar ungeahnte Fähigkeiten an sich – als WG-Finanzgenie, das auch am Monatsende noch Geld in der Kasse hat, als Streitschlichterin, der Konflikte diplomatisch regelt oder als Koch, der mit wenigen Zutaten die komplette WG verpflegt.
